{"id":570,"date":"2015-01-10T22:18:09","date_gmt":"2015-01-10T21:18:09","guid":{"rendered":"https:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/?p=570"},"modified":"2015-01-10T22:18:09","modified_gmt":"2015-01-10T21:18:09","slug":"sophie-holm-1-eine-einfache-tasche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=570","title":{"rendered":"Sophie Holm 1 &#8211; Eine einfache Tasche"},"content":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Abend allerseits,<\/p>\n<p>es gibt ein paar Tr\u00e4ume, die ich rund um das Schreiben habe. Dinge, die ich gerne machen oder schaffen m\u00f6chte. Manche davon, beispielsweise meinen ersten Roman zu ver\u00f6ffentlichen, habe ich inzwischen erlebt, andere harren noch der Dinge, die da kommen. Einer dieser Tr\u00e4ume war es\u00a0 immer, eine Sherlock Holmes &#8211; Adaption zu schreiben. Seit Kindertagen bin ich ein gro\u00dfer Fan dieser Figur und der Geschichten und F\u00e4lle. In den letzten Jahren habe ich allerdings festgestellt, dass ich \u00f6fter Schwierigkeiten habe, wenn Autoren mit Sherlock und Watson an neuen F\u00e4llen arbeiten. Der Gedanke &#8222;Also das h\u00e4tte Sherlock Holmes niemals gesagt&#8220; ist zwar merkw\u00fcrdig, kam mir aber des \u00f6fteren bei Fremdtexten, die die &#8222;klassischen&#8220; Figuren und Schaupl\u00e4tze nutzten. So habe ich mit einer Adaption begonnen, die nicht in England, sondern in Berlin spielt. Sherlock Holmes ist kein Mann und etablierter Ermittler, sondern eine Studentin der Mathematik und auch sonst ist alles etwas anders. Die Erinnerung an die Geschichten\u00a0 Arthur Conan Doyles ist angenehm von der Geschichte wegger\u00fcckt und ich bin gespannt, wie sie euch gefallen wird. Ich habe im Moment die Hoffnung, dass es noch zahlreiche weitere Geschichten rund um Sophie Holm geben wird.<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>\nArno<\/p>\n<p>PS: Die Geschichte steht auch als Download in den Formaten <a title=\"Arno Wilhelm - Sophie Holm 1 - Eine einfache Tasche\" href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/sophieholm\/Sophie%20Holm 1 - Eine einfache Tasche - Arno Wilhelm.pdf\" target=\"_blank\">PDF<\/a>, <a title=\"Arno Wilhelm - Sophie Holm 1 - Eine einfache Tasche\" href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/sophieholm\/Sophie%20Holm 1 - Eine einfache Tasche - Arno Wilhelm.mobi\" target=\"_blank\">MOBI<\/a> und <a title=\"Arno Wilhelm - Sophie Holm 1 - Eine einfache Tasche\" href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/sophieholm\/Sophie%20Holm 1 - Eine einfache Tasche - Arno Wilhelm.epub\" target=\"_blank\">EPUB<\/a> zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Sophie Holm 1 &#8211; Eine einfache Tasche<\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Das erste Treffen mit der Frau, die mein Leben in den folgenden Jahrzehnten wie keine andere beeinflussen sollte, verlief ganz unspektakul\u00e4r. Ich lernte sie im Treppenhaus w\u00e4hrend meines Umzugs kennen. Vollkommen verschwitzt und am Ende meiner Kr\u00e4fte trug ich eine mit \u201eKram\u201c beschriftete Kiste die drei Stockwerke zu meiner neuen Bleibe hoch. Die Berliner Altbau-Wohnungen haben mit ihren hohen Decken zweifellos ihren Charme, aber die Treppenh\u00e4user fordern daf\u00fcr leider ungleich mehr Ausdauer. Gerade hatte ich die zweite Etage geschafft und wollte mich an die n\u00e4chsten Stufen machen.<br \/>\n\u201eDu ziehst in die Dritte ein, oder?\u201c<br \/>\nIch erschrak und h\u00e4tte beinahe meine Kiste fallen lassen. Jetzt sah ich, dass eine Frau die Treppe herunter kam, die ich mich gerade hinauf m\u00fchen wollte. Sie war schlank und wirkte erstaunlich gro\u00df auf mich, was aber daran liegen konnte, dass sie ein paar Stufen \u00fcber mir stand. Ihr glattes blondes Haar hing weit \u00fcber die Schultern und sie l\u00e4chelte mich aufmunternd an.<br \/>\n\u201eStimmt\u201c, presste ich bei dem Versuch hervor, trotz der schweren Kiste m\u00f6glichst normal zu klingen.<br \/>\n\u201eDann sind wir ab jetzt Nachbarn\u201c, sagte sie und kam die restlichen Stufen herunter. Sie streckte mir die Hand hin.<br \/>\n\u201eSophie\u201c, stellte sie sich vor und ich wog ab, h\u00f6flich die Kiste abzustellen und ihr die Hand zu geben oder unh\u00f6flich zu sein, aber die Kraft sparen, den Umzugskarton erneut hochzuwuchten. Ich entschied mich spontan f\u00fcr einen schlechten Mittelweg, hielt ihr zuerst ungelenk den Ellenbogen hin, sah dann schnell ein, wie l\u00e4cherlich ich wirkte, und stellte die Kiste ab. Dann gab ich ihr doch noch eilig die Hand. Sie schien sich bestens zu am\u00fcsieren.<br \/>\n\u201eJan\u201c, stellte ich mich vor, \u201eJan Waisen.\u201c Wieso hatte ich meinen Nachnamen gesagt, wo sie es doch bei Sophie belassen hatte?<br \/>\n\u201eWie das Waisenkind?\u201c<br \/>\n\u201eJa, aber meine Eltern warten unten am Auto.\u201c<br \/>\nAntworten auf Spr\u00fcche zu meinem Namen kamen so selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber meine Lippen, wie nur jahrelanges Training durch nervende Mitsch\u00fcler es hervorrufen kann. Zu meinem Gl\u00fcck lachte sie kurz auf. Ihre Nase war spitz und die Wangenknochen deutlich zu sehen. Sophie war dezent geschminkt und sie gefiel mir gut. Nicht dass es mir eingefallen w\u00e4re, sie anzugraben. Daf\u00fcr waren mir Spiegel zu vertraut.<br \/>\n\u201eWG oder allein?\u201c<br \/>\nSie riss mich aus meinen Gedanken und ich brauchte einen kurzen Moment, um ihre Frage zu verstehen.<br \/>\n\u201eIch wohne erstmal allein. Je nach dem, wie es l\u00e4uft, und wie das Geld reicht, suche ich mir vielleicht noch einen Mitbewohner.\u201c<br \/>\n\u201eStudent?\u201c<br \/>\nIch nickte. \u201eMathe an der TU.\u201c<br \/>\n\u201eWir auch.\u201c<br \/>\nSie wirkte erfreut. Und auf meinen fragenden Blick erg\u00e4nzte sie:<br \/>\n\u201eAn der TU meine ich. Wir sind eine Dreier-WG. Ich mache Mathe, Julia Informatik und Maren Soziologie.\u201c Sie sah auf die Uhr. \u201eIch muss mal weiter, wir sehen uns bestimmt die n\u00e4chsten Tage mal.\u201c<br \/>\nUnd schon war sie an mir vorbei und aus dem Blick. Ich machte mich daran, die Kiste in mein neues Heim zu bringen und freute mich, an meinem ersten Tag in Berlin so unerwartet schnell jemanden mit einer Gemeinsamkeit kennengelernt zu haben.<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>An einem verregneten Mittwochnachmittag knapp eine Woche sp\u00e4ter stand ich mit den drei eben erw\u00e4hnten jungen Frauen aus der WG an einem kleinen Bistrotisch im Hauptgeb\u00e4ude der Technischen Universit\u00e4t. Es war mein dritter Tag an der Uni und da ich aus meinem eigenen Jahrgang bisher niemanden besser kannte, hatte ich mich auf einen Kaffee zu ihnen gesellt. In der vergangenen Woche hatte ich erstaunlich viel Zeit in der Nachbar-WG verbracht und kam mit dem Auspacken und dem Aufbau der M\u00f6bel nur schlecht voran. Gleich am ersten Abend hatte Sophie bei mir geklingelt und mich f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag zum Fr\u00fchst\u00fcck mit ihnen in die WG eingeladen. An den Abenden tranken wir Bier und den einen oder anderen Scotch miteinander, sie hatten mir die Uni gezeigt und auch sonst manches von Berlin. Vor allem mit Sophie verstand ich mich gut. Sie war in erstaunlich vielen Bereichen gebildet und es schien kaum eine Fachrichtung zu geben, f\u00fcr die sie sich nicht interessierte.<br \/>\nAn dem besagten Mittwochnachmittag wirkte Julia gestresst und ein bisschen fahrig. Ich \u00fcberlegte, ob ich sie darauf ansprechen sollte, aber wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. W\u00e4hrend ich noch dabei war, mir einen Satz zurecht zu legen, ergriff sie das Wort:<br \/>\n\u201eSophie, wo du doch so auf R\u00e4tsel stehst. Ich h\u00e4tte da eins f\u00fcr dich.\u201c<br \/>\nSophie sah sie interessiert an.<br \/>\n\u201eSchie\u00df los.\u201c<br \/>\n\u201eIch hatte von 10 \u2013 14 Uhr Vorlesung im Audimax.\u201c<br \/>\n\u201eProfessor Treibel?\u201c<br \/>\n\u201eGenau, spielt aber jetzt keine Rolle. Ich sitze ja meistens in der letzten Reihe. Kurz nach elf wollte ich mir ein Taschentuch aus meiner Handtasche nehmen, schau zu Boden, aber sie war weg. Einfach spurlos verschwunden. Um mich herum hatte niemand was mitbekommen. Ich sch\u00e4tze, jemand ist von hinten an die Bankreihe gegangen, hat die Tasche weggezogen und ist einfach damit rausgegangen. Bestimmt eine Frau.\u201c<br \/>\nSophie hatte der kurzen Erz\u00e4hlung interessiert gelauscht und wirkte nachdenklich.<br \/>\n\u201eWieso denkst du, dass es eine Frau war?\u201c, fragte sie.<br \/>\n\u201eEin Mann mit meiner schwarzen Handtasche w\u00e4re doch aufgefallen\u201c, antwortete Julia ganz selbstverst\u00e4ndlich. \u201eAuf jeden Fall war ich v\u00f6llig in Panik und hab in der Pause zwischen den Vorlesungen alles abgesucht, aber die Tasche nicht gefunden. Ich hab gleich meine Karte gesperrt und so, mich dann aber zur\u00fcck in die Vorlesung gesetzt und irgendwann w\u00e4hrend des zweiten Teils war meine Tasche pl\u00f6tzlich wieder neben mir. Ich hab richtig aufgeschrien f\u00fcr einen Moment, zum Gl\u00fcck hat der Prof es nicht geh\u00f6rt oder ignoriert. Und das Beste: Es ist alles noch da. Geld, Karten, einfach alles.\u201c<br \/>\n\u201eUnd jetzt fragst du dich, was da passiert ist. Klingt auf jeden Fall interessant\u201c, sagte Sophie und wiegte den Kopf in Gedanken. \u201eWann sch\u00e4tzt du, war die Handtasche wieder da?\u201c<br \/>\n\u201eEs war noch ziemlich am Anfang des zweiten Teils. Vielleicht halb eins. Jetzt muss ich versuchen, vor dem Trip nach Genua die Karte wieder entsperrt zu kriegen.\u201c<br \/>\n\u201eKann ich sie mir nachher mal ausleihen wenn wir zuhause sind und in Ruhe untersuchen? Die Tasche meine ich.\u201c<br \/>\nJulia lachte.<br \/>\n\u201eSchon klar\u201c, sagte sie dann. \u201eSoweit ich gesehen habe, fehlt nichts und es ist auch nichts drin, was nicht vorher drin war. Aber schau sie dir ruhig an. Falls du irgendwas Interessantes findest, sag Bescheid. \u201c<br \/>\n\u201eBestimmt irgendein Scherzkeks, der sich einen Spa\u00df erlaubt hat\u201c, meinte Maren.<br \/>\n\u201eHab ich auch \u00fcberlegt\u201c, stimmte Julia ihr zu. \u201eWenn ja, dann kann ich dar\u00fcber leider gar nicht lachen.\u201c<br \/>\nDamit wandte sich die Unterhaltung wieder anderen Bereichen zu. Doch mich besch\u00e4ftigte das R\u00e4tsel der verschwundenen Handtasche weiter und Sophies einsilbige Gespr\u00e4chsteilnahme machte mir den Eindruck, dass es ihr ebenso ging.<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter sa\u00df ich in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause und gr\u00fcbelte noch immer, welchen Grund es neben einemschlechten Scherz noch geben konnte, warum man Julia die Handtasche stahl und zur\u00fcckgab, ohne Geld oder irgendetwas \u00e4hnliches zu entwenden. Es gab Mittel und Wege EC- und Kreditkarten zu kopieren, daf\u00fcr ben\u00f6tigte man die Karten nach einem kurzen Moment nicht mehr. Aber die Aktion mit der Handtasche war reichlich gef\u00e4hrlich, das lohnte sich f\u00fcr solche Arten von Kriminalit\u00e4t sicher kaum. Vielleicht ein heimlicher Verehrer, der mehr \u00fcber Julia herausfinden wollte oder jemand, der sich an dem Inhalt ihrer Handtasche irgendwie aufgeilte. Meine Ideen wurden immer abstruser, aber es fehlte mir an sinnvollen Erkl\u00e4rungen. Und was hatte sie damit gemeint, Sophie interessiere sich doch f\u00fcr R\u00e4tsel? Das war von allen einfach so ohne jeden Kommentar hingenommen worden. Da gab es sicher eine Vorgeschichte dazu. Ich wusste, dass sie sich sehr f\u00fcr Logik und Kryptologie interessierte, vielleicht war das der Grund. Gr\u00fcbelnd stieg ich aus der U-Bahn und schloss knapp zehn Minuten sp\u00e4ter meine Wohnungst\u00fcr auf, als ich sah, wie Sophie mit zwei dicken Einkaufst\u00fcten beladen die Treppe hochkam.<br \/>\n\u201eNa, bist du&#8230;\u201c, begann ich sie nach Julias Tasche zu fragen, doch sie unterbrach mich augenblicklich.<br \/>\n\u201eDu hast doch die Tage ein Regal abgeschliffen. Hast du das Schleifpapier noch?\u201c<br \/>\n\u201eKlar\u201c, antwortete ich und versuchte nicht daran zu denken, in welchem Zustand der Regalversuch Marke Eigenbau sich derzeit befand. Zum Heimwerker war ich nicht geboren.<br \/>\n\u201eKann ich es mir ausleihen? Ich habe eine Menge eingekauft\u201c, sie deutete mit einem Kopfnicken auf ihre Tragetaschen, \u201eaber gerade ist mir eingefallen, dass ich das Schleifpapier komplett vergessen habe.\u201c<br \/>\nIch holte ihr zwei unterschiedlich raue, rote Streifen des Papiers und bem\u00fchte mich, sie dabei nicht in die Wohnung gucken zu lassen. \u201eWozu brauchst du die denn?\u201c<br \/>\n\u201eMal sehen. Mir wird schon etwas einfallen\u201c, sagte sie mit ihrem charmantesten L\u00e4cheln, \u201edanke dir auf jeden Fall.\u201c<br \/>\nSie drehte sich um und schloss ihre eigene Wohnung auf, doch auf meine Frage, ob sie wegen Julias Tasche schon etwas neues wisse, drehte sie sich wieder um.<br \/>\n\u201eAlles zu seiner Zeit\u201c, antwortete sie zweideutig und verschwand in ihrer Wohnung.<\/p>\n<p>4<\/p>\n<p>Donnerstags hatte ich abgesehen von einem Tutorium, das erst in der kommenden Woche starten w\u00fcrde, am Nachmittag keine Termine. So sa\u00df ich in meiner Wohnung und sortierte meine Cds ein, als ich eine Nachricht von Sophie bekam. Sie fragte, ob ich nicht auf einen Kaffee r\u00fcberkommen wollte. Wenig sp\u00e4ter lie\u00dfen wir uns in dem ger\u00e4umigen Flur nieder, der der WG als Wohnzimmerdiente. Sie deutete auf den Stuhl neben sich. Ich fragte gar nicht erst nach der Tasche sondern setzte wieder bei unserer Unterhaltung vom Vortag an, ob es trotz des Hypes eine gute Idee war, zum Studium nach Berlin zu ziehen. Sophie w\u00fcrde mir schon von Julias Tasche erz\u00e4hlen, falls es Neuigkeiten gab. W\u00e4hrend sie dabei war, mir Kaffee einzuschenken klingelte jemand Sturm.<br \/>\n\u201eErwartest du Besuch?\u201c, fragte ich Sophie und sie wiegte den Kopf leicht hin und her.<br \/>\n\u201eGewisserma\u00dfen\u201c, sagte sie mit einem d\u00fcnnen L\u00e4cheln auf den Lippen. Dann stand sie auf und dr\u00fcckte den T\u00fcr\u00f6ffner, ohne die Sprechanlage zu benutzen. Nach kurzer Zeit trat ein junger Mann ein, schlank und mit 3-Tage-Bart. Ich glaubte, ihn schon einmal gesehen zu haben.<br \/>\n\u201eMorgen, Sophie\u201c, sagte er, au\u00dfer Puste von den vielen Stufen. \u201eIch soll Julia ihre Handtasche zum Bahnhof bringen. Sie hat es irgendwie geschafft, sie zu vergessen.\u201c Er sah sich suchend um. Ich wollte Sophie einen vielsagenden Blick zuwerfen, doch sie nickte nur dem jungen Mann zu und deutete neben die T\u00fcr von Julias Zimmer. Auf mehreren Paar Schuhen, die sorgf\u00e4ltig nebeneinander aufgereiht waren lagen dort zwei Handtaschen. Die schwarze und daneben eine ockerfarbene. Mit schnellen Schritten lief der Mann dorthin und nahm die schwarze Tasche. Er schickte sich an, zu gehen, da sagte Sophie: \u201eDie andere Tasche.\u201c Er sah sie verwirrt an.<br \/>\n\u201eAber Julia nimmt doch immer die hier. Sie hat bestimmt die gemeint.\u201c<br \/>\nIch konnte sehen, wie er nerv\u00f6ser wurde. Als Sophie ihn erneut aufforderte, die andere zu nehmen, schlug er vor, die Sachen schnell in die Schwarze umzupacken.<br \/>\n\u201eFalls du das hier suchst\u201c, sagte Sophie und hielt ein kleines T\u00fctchen mit br\u00e4unlichem Pulver hoch, \u201emach dir nicht zu viele Hoffnungen. Julia hat \u00fcbrigens einen fr\u00fcheren Zug genommen und ihre schwarze Handtasche hat sie dabei.\u201c<br \/>\n\u201eAber was? Wieso?\u201c Dem Mann fehlten die Worte. Er sah jetzt vollkommen hilflos aus und blickte die Tasche in seiner Hand an. \u201eEin Duplikat\u201c, beantwortete Sophie die Frage, die im Raum stand. Ich wollte sehen, was du tust. Ich w\u00fcrde sagen, du hast deiner Schwester einiges zu erkl\u00e4ren, wenn sie wieder da ist. Und Julias Tasche enth\u00e4lt nur noch ein kleines P\u00e4ckchen mit Rohrzucker. Du solltest vielleicht deinen italienischen Kontakt benachrichtigen. Ich wei\u00df nicht, wie humorvoll der bei solchen Sachen ist\u201c, sagte sie und wies zur T\u00fcr. Der junge Mann sagte nichts, lie\u00df die Handtasche zu Boden fallen und trottete verwirrt und geschlagen zur T\u00fcr. Julias Bruder war das also. Jetzt erinnerte ich mich auch, ihn auf einem Foto in Julias Zimmer gesehen zu haben. \u201eAch, und Korbinian\u201c, f\u00fcgte Sophie noch hinzu, als er im T\u00fcrrahmen stand: \u201eIch habe eine Probe hiervon\u201c, sie deutete auf das T\u00fctchen, \u201eanonym ans BKA geschickt. Sollte ich mitbekommen, dass du noch mehr davon herstellst, schicke ich deinen Namen hinterher.\u201c<br \/>\nDer Mann presste die Lippen aufeinander, nickte und zog die T\u00fcr hinter sich zu. Es wurde es still in der Wohnung.<\/p>\n<p>5<\/p>\n<p>Eine Weile sa\u00dfen wir schweigend da. Ich war vollkommen verdutzt. Neben mir verlor sich die dominante, kalte Mimik und Gestik, die Sophie gerade so \u00fcberzeugend an den Tag gelegt hatte, sie entspannte sich und der Hauch eines L\u00e4chelns kehrte in ihr Gesicht zur\u00fcck. Sophie stand auf und kam aus der K\u00fcche mit einer Flasche Glenfiddich und zwei bauchigen Gl\u00e4sern wieder. Auf ihren fragenden Blick nickte ich nur leicht. Es war zu fr\u00fch, aber auf den Schreck tat der Scotch bestimmt gut. Wir tranken jeder einen Schluck, dann fragte ich: \u201eKannst du mir erkl\u00e4ren, was da gerade passiert ist?\u201c<br \/>\n\u201eVon Anfang an?\u201c, fragte Sophie. Ich nickte nur. \u201eBegonnen hat es damit, dass ich gestern noch Julias Tasche untersucht habe. Dabei trennte ich die N\u00e4hte an einer Seitenwand der Tasche auf und fand das kleine P\u00e4ckchen, das du gerade im Einsatz gesehen hast.\u201c<br \/>\n\u201eWie hast du das denn herausgefunden?\u201c, fragte ich sie. \u201eDu konntest ja schlecht auf gut Gl\u00fcck s\u00e4mtliche N\u00e4hte auftrennen.\u201c<br \/>\n\u201eDie Naht war zwar sauber ausgef\u00fchrt, aber der Faden war nicht im Geringsten abgenutzt, ganz im Gegensatz zu den anderen an der Tasche. Julia schleppt sie wirklich st\u00e4ndig mit sich herum. Die Frage war also, wer etwas davon h\u00e4tte irgendeine Chemikalie in Julias Tasche einzun\u00e4hen. Es musste jemand sein, der sie und ihre Gewohnheiten gut kennt, um zu wissen, dass sie viel diese Tasche benutzt, wann sie in welcher Vorlesung wo sitzt und so weiter. Ich hatte erst die Vermutung, man k\u00f6nnte die Daten \u00fcber sie aus den Sozialen Netzwerken auslesen, aber da ist sie nicht aktiv genug, als dass man da all das zusammenbekommen k\u00f6nnte. Ich habe die Chemikalie untersucht und ein paar Versuchen unterzogen. Was es genau ist, wei\u00df ich nicht, ich konnte es in mehreren Tests nicht eindeutig identifizieren. Dass es sich um eine Droge handelt, konnte ich nur vermuten, bis Korbinian es mir eben ungewollt best\u00e4tigt hat. Aber welche andere Art von Chemikalie sollte man so umst\u00e4ndlich transportieren wollen? Mir kam Julias Trip nach Genua in den Sinn. Ich fragte sie ein wenig danach aus, und tats\u00e4chlich steckt ihr Cousin wohl immer mal wieder wegen Drogendelikten mit einem Bein hinter schwedischen Gardinen. Das passte zumindest. Mir fiel nur ein Mensch in Julias Umfeld ein, der finanzielle Probleme hat und sich mit Chemie auskennt. Soweit ich wei\u00df ist er unter den besten seines Jahrgangs. Er musste die Probe, viel mehr kann das bisschen nicht sein, wohl irgendwie nach Italien bringen. Ich habe Korbinian eine Mail geschrieben, die ihm vorgaukelt, von Julia zu sein, die ihre Tasche vergessen hat. Es wird auch ihr Name als Absender angezeigt und ich habe geschrieben, dass niemand anderes von ihren Freunden Zeit h\u00e4tte, ihr die Tasche zu bringen. Den Rest kennst du quasi.\u201c<br \/>\nEine Weile sa\u00df ich schweigend da und \u00fcberlegte. \u201eDu h\u00e4ttest aber die andere Tasche nicht unbedingt gebraucht, oder?\u201c, fragte ich.<br \/>\nSophie hob entschuldigend die H\u00e4nde. \u201eEin kleiner Hang zum Drama, der mich von Zeit zu Zeit heimsucht. Aber es ging mir auch um eine Demonstration, damit er sich nicht zu sicher f\u00fchlt, sich auf frischer Tat ertappt vorkommt. Vielleicht schubst es ihn wieder in die richtige Richtung. Also habe ich eine zweite Tasche gekauft, sie mit deinem Schleifpapier entsprechend \u00e4lter aussehen lassen und Julia ihre zur\u00fcckgegeben. Die Frage war noch, ob ich die Polizei einschalte, aber ich habe es gelassen. Ich denke, das ist in Julias Sinne. Ich rede mit ihr dar\u00fcber, wenn sie zur\u00fcck ist.\u201c<br \/>\nIch trank einen weiteren Schluck und genoss das kurze Brennen in Hals und Rachen.<br \/>\n\u201eAber warum\u201c, stellte ich die Frage, die mich am meisten besch\u00e4ftigte, \u201ehat er das T\u00fctchen nicht einfach selbst hingebracht? Er h\u00e4tte sich doch locker in den Zug setzen k\u00f6nnen, in Genua ist man schnell und die Chance erwischt zu werden ist minimal.\u201c<br \/>\n\u201eDu hast ihn doch gesehen, der ist viel zu \u00e4ngstlich. Korbinian ist in seinem ganzen Leben noch kein wirkliches Risiko eingegangen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd warum wolltest du mich dabei haben bei der Aktion? Der Typ schien mir nicht sonderlich bedrohlich und ich wirke nicht gerade wie ein Bodyguard.\u201c<br \/>\nSophie lachte ihr herrliches Lachen. \u201eDu schienst an der Sache interessiert zu sein, das ist eigentlich schon alles.\u201c<br \/>\nEin paar Minuten sa\u00dfen wir schweigend da und drehten die Gl\u00e4ser in unseren H\u00e4nden. \u201eUnd du hast sowas schon \u00f6fter gemacht? R\u00e4tsel gel\u00f6st, meine ich.\u201c<br \/>\nSophie nickte. \u201eEin kleines Hobby von mir, nichts weltbewegendes.\u201c<br \/>\n\u201eWenn sowas wieder einmal vorkommt, kann ich wieder dabei sein?\u201c<br \/>\n\u201eGern\u201c, sagte sie l\u00e4chelnd und wir prosteten uns zu, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wie sehr dieses kleine Hobby unsere beiden Leben ver\u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Abend allerseits, es gibt ein paar Tr\u00e4ume, die ich rund um das Schreiben habe. 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