{"id":164,"date":"2011-12-21T23:55:00","date_gmt":"2011-12-21T22:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2011\/12\/21\/dem-ende-entgegen-1"},"modified":"2011-12-21T23:55:00","modified_gmt":"2011-12-21T22:55:00","slug":"dem-ende-entgegen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=164","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (1)"},"content":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Abend,<\/p>\n<p>das Jahr neigt sich so langsam dem Ende und ich m\u00f6chte ein kleines Weihnachtsgeschenk loswerden. F\u00fcr mich war es ein gro\u00dfartiges Jahr, mit etlichen Auftritten auf Slams, Lesungen und meiner Leseb\u00fchne. Vielen Dank an alle, die hier mitgelesen haben. Ich hoffe, 2012 wird ebenso sch\u00f6n. So wie es aussieht, wird es in den n\u00e4chsten Monaten auch noch eine Menge Neuigkeiten von meiner Seite zu erz\u00e4hlen geben.<br \/>Aber jetzt erstmal zum Geschenk:<br \/>Ich schreibe an einer neuen Kurzgeschichte, die ich hier auf dem Blog nach und nach ver\u00f6ffentlichen werde. Heute kommt das erste Kapitel. Die Geschichte spielt in der Zukunft und hei\u00dft &#8222;Dem Ende entgegen&#8220;. <br \/>Wer Kritik, Lob oder irgendetwas dazu zu sagen hat: Ich freue mich sehr \u00fcber Mails an belaw@gmx.net, oder \u00fcber Kommentare unter diesen Post.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche euch ein sch\u00f6nes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2012!<\/p>\n<p>Gru\u00df<br \/>Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1<\/a><\/p>\n<p>Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen<\/p>\n<p>Kapitel 1<\/p>\n<p>\u201eDiese Entdeckung f\u00fchrte zu einem Umbruch, der bis heute in der gesamten Weltgeschichte einzigartig ist. Ein Einschnitt, der sich durch alle Bereiche der Wissenschaft und Wirtschaft zieht. In den Jahren danach ist die effektiv notwendige Anzahl der Besch\u00e4ftigten weltweit auf knapp eineinhalbtausend gesunken. Die Tendenz ist nach wie vor fallend, weshalb mit der Zeit unter den Akademikern und F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten ein immer h\u00e4rterer Kampf um die wenigen verbliebenen Arbeitsstellen entstand. Ein Kampf, dem auch Sie sich in wenigen Jahren werden stellen m\u00fcssen.\u201c<br \/>Tims Stimme hallte von den W\u00e4nden wieder. Das winzige Mikrofon an seiner Wange, das von den Pl\u00e4tzen der Studenten aus kaum zu erkennen war, verschaffte ihm ausreichend Lautst\u00e4rke, um auch in den hintersten Reihen des H\u00f6rsaals noch verstanden zu werden. \u00dcber 200 Augenpaare ruhten auf ihm, in seinem schwarzen Anzug mit grauer quergestreifter Krawatte. Jede seiner Bewegungen, jedes Wort und jede Geste wurden genau beobachtet. Nicht ein einziger von ihnen wagte es, zu schlafen, oder im Geringsten unaufmerksam zu wirken, auch wenn sie den Stoff seiner Vorlesung vermutlich beinahe ebenso gut kannten, wie er selbst. Das Fach hie\u00df \u201eGeschichte der Weltwirtschaft III\u201c &#8211; von den Studenten meist nur kurz WeWi III genannt &#8211; und umfasste die Entwicklungen der globalen \u00d6konomie von 2100 bis heute. 89 ereignisreiche Jahre, in ein einziges Semester gezw\u00e4ngt. Eine Stoffdichte, die in modernen Hochleistungs-Studieng\u00e4ngen wie diesem durchaus \u00fcblich genannt werden konnte. <br \/>Die heutige Vorlesung war Tim die liebste des ganzen Semesters, da das Jahr 2105, das sie in dieser Sitzung behandelten, derart einschneidende Ver\u00e4nderungen in der Welt hinterlassen hatte, dass diese auch heute noch den Alltag jedes Menschen, egal ob Mann, Frau oder Kind, beeinflussten.<br \/>\u201eNat\u00fcrlich besteht seit damals f\u00fcr jeden von uns die M\u00f6glichkeit, mit Hilfe der staatlichen Sofortrente schlicht gar nicht mehr zu arbeiten.\u201c,  fuhr er nun fort. \u201eEin Luxus unserer Zeit, den \u00fcber acht Milliarden Menschen Tag f\u00fcr Tag in Anspruch nehmen, doch ich vermute, dies kommt wohl f\u00fcr keinen von Ihnen in Frage.\u201c<br \/>Verhaltenes Gel\u00e4chter auf den B\u00e4nken. Eine derartige Vorstellung war f\u00fcr die hier Versammelten mehr als absurd.<br \/>\u201eDas hatte ich mir gedacht. Gut, das war es f\u00fcr heute, denken Sie an die Essays bis kommenden Freitag. Vielen Dank f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit\u201c<br \/>Die Studenten klopften respektvoll auf die Tische, dann packten sie alle leise ihre Unterlagen zusammen und verlie\u00dfen den Saal in die verschiedensten Richtungen. Heute kam niemand zu ihm nach vorne, um irgendwelche Fragen zu stellen oder \u00fcber den Vorlesungsstoff zu diskutieren, und auch wenn ihn das verwunderte, war er doch froh dar\u00fcber.<br \/>Gem\u00e4chlich sammelte Tim die auf dem Pult vor ihm verteilten Notizen ein und schaltete den Projektor aus. Er zog seine goldene antike Taschenuhr hervor. Es war jetzt kurz nach Zw\u00f6lf. Noch acht Stunden. Seine Mundwinkel verzogen sich kaum merklich zu einem bitteren L\u00e4cheln.<br \/>F\u00fcr einen winzigen Augenblick blieben seine Augen auf den Buchstaben h\u00e4ngen, die in schwungvollen Lettern in die R\u00fcckseite der Uhr graviert waren.<\/p>\n<p>H.F.<\/p>\n<p>Helena hatte sie ihm zum ersten Hochzeitstag geschenkt. Damals, als sie noch gl\u00fccklich gewesen waren. Dessen war er sich sicher, an diesen Tagen waren sie gl\u00fccklich gewesen. Lange bevor auch nur einer von ihnen ein Wort wie \u201eScheidung\u201c zum ersten Mal gedacht oder in den Mund genommen hatte. Tim sp\u00fcrte, wie die Kopfschmerzen langsam wiederkehrten und kramte in seiner Tasche nach einer weiteren Aspirin. Die wievielte war es heute? Vielleicht die f\u00fcnfte? Er z\u00e4hlte es nicht mehr, es war auch egal. Noch acht Stunden. Mit der Selbstbeherrschung, die er sich in den letzten drei Wochen zu eigen hatte machen m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt weiter zu funktionieren und seinem Alltag nachgehen zu k\u00f6nnen, lenkte er seine Gedanken zur\u00fcck in die Gegenwart. Schnell steckte er die Uhr wieder in sein Jackett, nahm seine Tasche und verlie\u00df den H\u00f6rsaal z\u00fcgig. Nur f\u00fcr einen winzigen Augenblick hatte er sich gehen lassen, nur f\u00fcr einen klitzekleinen Moment, doch noch immer konnte er den Schmerz, daran zu denken, nicht ertragen. Irgendwie musste er diesen Tag \u00fcberstehen. Kleine, \u00fcbersichtliche Schritte. Das war jetzt das Entscheidende. Er stie\u00df die T\u00fcr nach drau\u00dfen auf, trat auf den Campus und sog ger\u00e4uschlos die kalte Herbstluft in sich auf.<br \/>Sollte er seinen Wagen nehmen oder war es besser, sich heute fahren zu lassen? Spontan entschied sich Tim, seinen Porsche in der Uni-Tiefgarage stehen zu lassen. Jede Fahrt in den letzten Wochen war ein Kampf mit der Versuchung gewesen, etwas sehr dummes zu tun. Am heutigen Tag durfte er sich nicht zu dergleichen hinrei\u00dfen lassen. Schon mit dem Gedanken zu spielen war keine gute Idee. <br \/>Auf der Stra\u00dfe hielt er ein vorbeifahrendes Taxi an, indem er einen Daumen hinausstreckte, wie es im vergangenen Jahrhundert oft die Anhalter am Stra\u00dfenrand getan hatten. Die schwarze Mercedes-Limousine hielt an und er lie\u00df sich auf dem Beifahrersitz nieder. Der Fahrersitz war leer, doch das \u00fcberraschte Tim nicht. Jedes Taxi wurde ausschlie\u00dflich \u00fcber den zentralen Bordcomputer gesteuert, der dank der Leitlinien auf der Stra\u00dfe, sekundenaktuellen GPS-Bildern, zahlreichen Kameras und Sensoren seiner Aufgabe, einen sicher ans Ziel zu bringen, bestens gewachsen war. In den Touchscreen tippte Tim die Adresse seines Appartements in Sch\u00f6neberg und das Taxi machte sich ger\u00e4uschlos auf den Weg durch das herbstlich d\u00fcstere Berlin. <br \/>All diese Technik, von der er seinen Studenten gerade noch erz\u00e4hlt hatte, war so einflussreich, so entscheidend f\u00fcr die Welt, und dennoch konnte sie bei der menschlichen Gef\u00fchlswelt nicht weiterhelfen. Egal wie revolution\u00e4r es damals gewesen war, als man begann, die nat\u00fcrlichen Rohstoffe massenweise k\u00fcnstlich zu reproduzieren und gleichzeitig die weltweit notwendigen Arbeitst\u00e4tigkeiten auf Maschinen und Roboter zu verlagern. Sobald es um Liebe ging, um Trauer, konnte keine Technik der Welt etwas an den Grundfesten des Problems \u00e4ndern. Es mochte heute Dating-Agenturen geben, die \u00fcber chemische Bestandteile deiner Haut und stundenlange Psychoanalyse den einen perfekten Partner auf der Welt f\u00fcr dich fanden, und trotzdem war nicht garantiert ob die Beziehung gl\u00fccklich enden w\u00fcrde. Perfektion war auf Gef\u00fchlsebene nicht notwendig, es ging vielmehr um Gl\u00fcck. Eine Form von Gl\u00fcck, bei der technische \u00dcberlegenheit nichts ausrichten konnte. Mit m\u00fcden Augen beobachtete Tim die Stadt, wie sie an seinem Taxi vorbeizog, sah die Menschen in den Caf\u00e9s und Restaurants sitzen und sich unterhalten. Wie gerne w\u00fcrde er doch zu ihnen geh\u00f6ren, dachte er voll Wehmut. Zu diesen einfachen Leuten, die tagein, tagaus nichts anderes taten, als sich miteinander zu verabreden, zu essen, zu trinken und irgendwelchen Hobbys nachzugehen. Wenig Schulbildung, wenig Antrieb, ein hohes Ma\u00df an Zufriedenheit. Die erste Generation hatte noch Schwierigkeiten gehabt, sich anzupassen, als sie fast alle ihre Jobs verloren hatten und von einem Tag auf den anderen jedermann die Grundrente ausbezahlt bekam. Vielen war es damals noch schwer gefallen, sich von dem Gedanken an Arbeit zu l\u00f6sen, das wusste Tim aus den Erz\u00e4hlungen seiner Gro\u00dfeltern und aus alten Quellen an seinem Institut. Nur wenige hatten weitergemacht, geforscht und gearbeitet. Ein winziger Prozentsatz wurde noch ben\u00f6tigt um die Technik weiterzuentwickeln. Herstellung, Feinschliff, Programmierung, all das konnten heutzutage Roboter erledigen, doch tats\u00e4chlich auf neue Ideen zu kommen, neues zu erfinden, das war bisher technisch nicht ersetzbar gewesen. <br \/>Die Menschen in den Caf\u00e9s sahen so entspannt aus, so gl\u00fccklich, dachte Tim. Fr\u00fcher hatte er sich dar\u00fcber nie Gedanken gemacht, wie es den Menschen ohne Arbeit ging. Er war stolz gewesen, zu den wenigen Auserw\u00e4hlten zu geh\u00f6ren, die die Forschung vorantrieben und die ein Leben kannten, das nicht nur aus Konsum und Freizeit bestand. Doch war es das wert? Die zahlreichen Stunden, Tage, Wochen, die er gearbeitet hatte \u2013 h\u00e4tte er sie nicht besser mit Helena verbringen sollen? Um diesen mittlerweile vollkommen sinnlosen Punkt kreisten seine Gedanken nun schon seit Tagen wieder und wieder. Es war vorbei, und nichts in der Welt w\u00fcrde das mehr \u00e4ndern k\u00f6nnen. Das waren ihre Worte gewesen. <br \/>Als das Taxi vor seinem Haus hielt, stieg er aus. Bezahlen war nicht n\u00f6tig, das Taxi fuhr sofort weiter, als er ausgestiegen war. Z\u00fcgig betrat er das Haus, fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben und betrat seine Wohnung. Diese Wohnung voller Erinnerungen. <br \/>Noch sieben Stunden und vierzig Minuten, dachte er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Abend, das Jahr neigt sich so langsam dem Ende und ich m\u00f6chte ein kleines Weihnachtsgeschenk loswerden. F\u00fcr mich war es ein gro\u00dfartiges Jahr, mit etlichen Auftritten auf Slams, Lesungen und meiner Leseb\u00fchne. Vielen Dank an alle, die hier mitgelesen haben. Ich hoffe, 2012 wird ebenso sch\u00f6n. 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