{"id":163,"date":"2011-12-29T22:31:00","date_gmt":"2011-12-29T21:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2011\/12\/29\/dem-ende-entgegen-2"},"modified":"2011-12-29T22:31:00","modified_gmt":"2011-12-29T21:31:00","slug":"dem-ende-entgegen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=163","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (2)"},"content":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Abend,<\/p>\n<p>\u00fcber die positiven Reaktionen auf den ersten Teil habe ich mich sehr gefreut. Hier also nun Teil 2 von insgesamt vermutlich 11. Wie regelm\u00e4\u00dfig die neuen Teile kommen, kann ich noch nicht garantieren, aber ich werde versuchen, zumindest alle zwei Wochen einen neuen Teil zu ver\u00f6ffentlichen.<br \/>Ich w\u00fcnsche allen, die meinen Blog verfolgen, einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein paar hoffentlich freie Tage,<\/p>\n<p>Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1-2.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 2<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kapitel 2<\/p>\n<p>Zum tausendsten Mal starrte Micha auf den kleinen wei\u00dfen Zettel, den ihm der Automat in der Klinik letzte Woche ausgedruckt hatte. Ein St\u00fcck Papier, nicht gr\u00f6\u00dfer als ein Briefumschlag, unspektakul\u00e4r eigentlich. Wenig Text, und doch so voller Information. Drei Punkte standen darauf, abgesehen von seinem Namen und seiner Identifikationsnummer. Der Name der Krankheit, m\u00f6gliche Therapien und die Lebenserwartung. Unter den Worten \u201eBronchialkarzinom (sp\u00e4tes Stadium)\u201c hatte er sich zumindest in der Klinik noch nicht viel vorstellen k\u00f6nnen, auch wenn das mit dem sp\u00e4ten Stadium nichts Gutes hatte erahnen lassen. Nur, dass die Bronchien etwas mit dem Brustkorb und dem Atmen zu tun hatten, daran hatte er sich dunkel erinnert. <br \/>Ganz anders verhielt es sich da mit den beiden Punkten darunter. Neben den Worten \u201eM\u00f6gliche Therapien\u201c stand nur \u201eChemotherapie \/ keine\u201c, was bedeutete, dass es zur Chemo keine Alternativen geben w\u00fcrde. Da hatte er bereits vermutet, dass ein Bronchialkarzinom irgendeine Art von Krebs war. Krebs war die einzige Krankheit von der er je geh\u00f6rt hatte, die mit Chemotherapie behandelt wurde. Der letzte der drei Punkte war es schlie\u00dflich gewesen, der ihm den Angstschwei\u00df auf die Stirn getrieben hatte. <\/p>\n<p>\u201eLebenserwartung (mit \/ ohne Therapie): 4 Monate \/ 4 Monate\u201c <\/p>\n<p>stand dort, in dieser schn\u00f6rkellosen, schwarzen Schrift. Er hatte es nicht glauben k\u00f6nnen. Die Apparate mussten sich geirrt haben, irgendwo musste hier ein gigantischer Fehler vorliegen. Doch das war unwahrscheinlich. Nicht ein einziges Mal in seinem ganzen Leben hatte er geh\u00f6rt, dass eines der diagnostischen Ger\u00e4te sich geirrt oder einen Fehler gemacht hatte. Aber drei Monate? Sicher, er hatte in den vergangenen Monaten fast permanent Schmerzen gehabt, oft auch Schmerzen in der Brust, ab und zu ein bisschen Blut gehustet, aber deswegen hatte man doch noch lange keinen Krebs. Daran starb man doch nicht. Jeder hatte doch mal Schmerzen. Jetzt w\u00fcnschte er sich, er w\u00e4re nie in diese Klinik gegangen. Stundenlang ein unangenehmer Test nach dem anderen, bis der komplette Checkup vollendet war. Auf dieser kalten Krankenbahre liegen, w\u00e4hrend die Ger\u00e4te im Raum den K\u00f6rper auf Krankheiten absuchen. Schlie\u00dflich eine Viertelstunde Wartezeit, und dann wurde die Diagnose ausgegeben. Diese verdammte Diagnose. Das Wort Krebs schien sich selbst jetzt, eine Woche sp\u00e4ter, noch in seinen Augapfel eingebrannt zu haben. Auch wenn er die Augen schloss, war es noch da und verh\u00f6hnte ihn. Dieser kleine wei\u00dfe Zettel hatte sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, all seine Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft zunichtewerden lassen. Was konnte er noch tun? Was fing man mit drei Monaten an, mit den drei letzten Monaten seines Lebens? Musste er jetzt nicht noch irgendetwas Bedeutsames tun?<br \/>Keinem Menschen auf der Welt hatte er bisher von dieser Sache erz\u00e4hlt. Seinen Eltern nicht, seiner Schwester nicht, und auch keinem seiner Freunde. 31 war doch kein Alter, in dem man Krebs bekam. War das nicht etwas f\u00fcr alte Leute? Als er von der Klinik nach Hause gekommen war, hatte er sich noch einmal vergewissert, dass er das Wort Bronchialkarzinom richtig interpretiert hatte. <br \/>Dann hatte er sich auf sein Bett gelegt und dar\u00fcber nachgedacht, wie es nun weitergehen sollte. Nur eines war schnell klar gewesen: Chemotherapie wollte er keine. Dar\u00fcber hatte er ein bisschen was in der Schule gelernt, und er erinnerte sich noch zu gut an all die Nebenwirkungen, die da aufgez\u00e4hlt gewesen waren. Wenn er nur noch drei Monate zu leben hatte, wollte er die mit Sicherheit nicht im Krankenhaus verbringen. Doch was konnte er mit ihnen anfangen? Genau genommen hatte er die ganze vergangene Woche so gut wie nichts anderes gemacht, als genau dar\u00fcber nachzudenken. Gestern war er dann endlich zu einer Entscheidung gekommen, und hatte f\u00fcr den heutigen Abend den Termin ausgemacht. Wieviel Uhr es jetzt wohl war? Den ganzen Vormittag hatte er nicht gewagt, seine Armbanduhr aus dem Nachttisch zu holen, in dem Bewusstsein, dass der Abend langsam aber stetig n\u00e4her r\u00fcckte. Auch wenn die Schmerzen nach wie vor furchtbar waren, war er sich nicht vollkommen sicher, wie er seinem Entschluss von gestern gegen\u00fcber stand. Nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war, auch wenn er das Gef\u00fchl hatte, jeden Aspekt bedacht zu haben. <br \/>Er gab sich einen Ruck, stand auf und schleppte sich m\u00fchsam in die K\u00fcche. Leuchtend rot prangte ihm die Uhrzeit vom Herd entgegen. Viertel vor Eins. Erst letztes Jahr hatte er seine ganze Wohnung neu eingerichtet. H\u00e4tte er da gewusst, wie wenig Zeit ihm noch bleiben w\u00fcrde, dann h\u00e4tte er sicher besseres mit seiner Zeit und seinem Geld anzufangen gewusst. <br \/>Das Thema Zeit schien immer mehr zu seinem Lieblingsthema aufzusteigen. Pl\u00f6tzlich war sie so kostbar. Dieses Bewusstsein machte ihm \u00fcberhaupt erst klar, wie sehr er seine bisherige Lebenszeit vergeudet hatte. Unz\u00e4hlige Urlaube, an irgendwelchen Str\u00e4nden Cocktails schl\u00fcrfen, sich von den vollautomatischen Servierwagen mit Drinks und Snacks versorgen lassen und sich halb am\u00fcsiert und halb gelangweilt die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Auch in Berlin hatte er seine Zeit zum gr\u00f6\u00dften Teil dazu genutzt mit seinen wenigen Freunden zu quatschen, irgendwelchen Aff\u00e4ren nachzutrauern und Bier in sich hineinzusch\u00fctten. Allzu regelm\u00e4\u00dfig war ihm am Monatsende seine Rente knapp geworden, das Geld das er sich dann von seinen Eltern geliehen hatte, w\u00fcrde er nun wohl nicht mehr zur\u00fcckzahlen. Das war nun schon der zweite Punkt, bei dem ihm das Thema Geld durch den Kopf ging. Vorher hatte er sich doch auch nie gro\u00df Gedanken um Geld gemacht, warum jetzt auf einmal? Vermutlich klammerte man sich einfach automatisch an die materiellen Dinge, wenn man dabei war alles zu verlieren. Vielleicht waren die Gedanken dazu leichter zu ertragen, als das Bewusstsein, was er allzu bald noch alles verlieren w\u00fcrde. War das m\u00f6glich? Ergab das Sinn? <br \/>Zeit spielte da schon eher eine wirklich gro\u00dfe Rolle. Aber wie h\u00e4tte er seine Zeit in den letzten Jahren besser nutzen k\u00f6nnen, als mit Aff\u00e4ren, Urlauben und Feiern? Er hatte nie Hobbys gefunden, die richtig zu ihm passen wollten, auch wenn er in seiner Kindheit und Jugend alles ausprobiert hatte, was ihm in den Sinn gekommen war. Im Keller seiner Eltern stapelten sich die Relikte, die daran erinnerten: Ein Billard-K\u00f6, zwei Tischtennis-Schl\u00e4ger, eine Blockfl\u00f6te, die kaum je zum Einsatz gekommen war, mehrere Anz\u00fcge f\u00fcr Judo und Karate, Baus\u00e4tze f\u00fcr kleine Roboter, ein Fu\u00dfball und mehrere Basketball-Leichen, denen schon lange niemand mehr Luft zugef\u00fchrt hatte. Nichts davon hatte ihn mehr als ein paar Monate bei der Stange halten k\u00f6nnen. <br \/>Ein pl\u00f6tzlicher Hustenanfall \u00fcberkam ihn und er griff nach einem Taschentuch, um das Blut nicht in der ganzen K\u00fcche zu verteilen. Nur mit M\u00fche schaffte er es, seine Atmung wieder zu beruhigen. Dieser verfluchte Husten, es tat jedes Mal so verflucht weh, als w\u00fcrde ihm jemand die Lunge aus dem Leib rei\u00dfen. Wenn er lag war es meistens auszuhalten, doch sobald er aufstand, konnte er den Hustenreiz kaum unterdr\u00fccken. Er versuchte sich wieder zu konzentrieren, zwang sich, an den Gedanken anzukn\u00fcpfen, dem er gerade nachgegangen war. <br \/>Gut, Hobbys waren nicht sein Fall, was blieb sonst noch gro\u00df? Arbeit h\u00e4tte es f\u00fcr ihn doch eh keine gegeben, und die richtige Frau hatte er bisher auch nicht kennengelernt. Ein paar sch\u00f6ne Frauen waren dabei gewesen, das musste er sich eingestehen, aber keine von ihnen w\u00e4re interessant genug gewesen, um mit ihr das Leben zu verbringen. Ein Leben, von dem ihm nun sowieso nichts mehr bleiben w\u00fcrde. Was das anging, war er auch froh, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Er konnte sich kaum etwas Schrecklicheres vorstellen, als seinen Kindern sagen zu m\u00fcssen, dass man bald nicht mehr da sein w\u00fcrde, um ihnen beim Aufwachsen zu helfen. Letzten Endes war es also vielleicht gar nicht so schlecht, dass es ihn traf, wenn es schon \u00fcberhaupt jemanden treffen musste. Es gab so viel Technik, alles wurde vollautomatisch durchgef\u00fchrt, st\u00e4ndig wurde von irgendwelchen neuen Errungenschaften berichtet. Wieso gab es \u00fcberhaupt noch Krankheiten? Seit Tagen gingen ihm so viele Gedanken durch den Kopf, und er hatte so wenig Antworten dazu.<br \/>Tief in Gedanken blickte er durch das miserabel geputzte Fenster hinaus in die Welt. Alles sah aus wie immer, jeder ging seinen Gesch\u00e4ften nach und versuchte, dem nebligen, tr\u00fcben Wetter m\u00f6glichst schnell wieder zu entfliehen. Im Kiosk gegen\u00fcber h\u00e4mmerte ein \u00e4lterer Mann entnervt auf den Kn\u00f6pfen des Service-Automaten herum, vermutlich hatte er irgendeinen Fehler bei der Bedienung gemacht und machte sich jetzt nicht die M\u00fche, die Fehlermeldung auf dem Display zu lesen. Unwillk\u00fcrlich musste Micha l\u00e4cheln. In den letzten Tagen hatte ihn die Vorstellung so sehr besch\u00e4ftigt und traurig gemacht, dass ihn hier kaum jemand vermissen w\u00fcrde. Ein paar Freunde, seine Familie, sonst niemand. Aber aus Gr\u00fcnden, die er nicht nachvollziehen konnte, vers\u00f6hnte der Anblick des alten Mannes, der nun immer w\u00fctender auf die Kn\u00f6pfe einpr\u00fcgelte, ihn ein St\u00fcck weit mit der Welt. <br \/>Vielleicht sollte er sich einen Plan zurechtlegen, wie er diesen Tag angehen w\u00fcrde, dachte er, noch immer mit einem L\u00e4cheln im Gesicht. Er w\u00fcrde es seinen Eltern erz\u00e4hlen, ihnen von der Diagnose und dem Termin erz\u00e4hlen, beschloss er, doch was konnte er danach tun? In Gedanken wanderte er seine Lieblingspl\u00e4tze in der ganzen Stadt ab und entschloss sich dann, in den Zoo zu gehen. Dort war er lange nicht gewesen, aus Faulheit haupts\u00e4chlich, doch die Tiere w\u00fcrden ihm helfen, auf andere Gedanken zu kommen und es sich selbst leichter zu machen. Danach konnte er sich ja noch ein bisschen durch die Stadt treiben lassen, bis es an der Zeit war.  <br \/>Einen Augenblick \u00fcberlegte er, ob er hinuntergehen und dem alten Mann, der mittlerweile mit hochrotem Kopf den Automaten anbr\u00fcllte, helfen sollte, doch er entschied sich dagegen. Schlie\u00dflich war heute ein besonderer Tag. Jetzt wo er es endlich aus dem Bett geschafft hatte, wollte er nicht noch mehr kostbare Zeit vergeuden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Abend, \u00fcber die positiven Reaktionen auf den ersten Teil habe ich mich sehr gefreut. Hier also nun Teil 2 von insgesamt vermutlich 11. 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