{"id":156,"date":"2012-02-16T13:12:00","date_gmt":"2012-02-16T12:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2012\/02\/16\/dem-ende-entgegen-4"},"modified":"2012-02-16T13:12:00","modified_gmt":"2012-02-16T12:12:00","slug":"dem-ende-entgegen-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=156","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (4)"},"content":{"rendered":"<p>Guten Morgen allerseits,<\/p>\n<p>damit wieder ein bisschen Bewegung in den Blog kommt, hier Teil 4 der Geschichte. Da ich darauf hingewiesen wurde, dass der Begriff Kurzgeschichte f\u00fcr eine Geschichte mit 11 Kapiteln ein bisschen unpassend ist, und ich mir bei der Definition dessen, was eine Novelle ist, auch nicht sicher bin, muss ich mir noch \u00fcberlegen, was in Zukunft die passende Bezeichnung daf\u00fcr sein wird. <br \/>Ich hoffe es gef\u00e4llt euch weiterhin,<\/p>\n<p>Mit den herzlichsten Gr\u00fc\u00dfen,<br \/>Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1-4.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 4<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kapitel 4<\/p>\n<p>Z\u00f6gernd und mit Tr\u00e4nen in den Augen lie\u00df Micha den Telefonh\u00f6rer sinken. Er hatte seiner Mutter nichts gesagt. Das Gespr\u00e4ch war wie immer gewesen, wie so viele, die sie in den letzten Jahren gef\u00fchrt hatten. Ein bisschen was \u00fcbers Wetter, Mitteilungen, wer in der Verwandtschaft gerade was tat oder mit wem Streit hatte, ein kurzer Bericht dar\u00fcber, dass es mit der H\u00fcfte seines Vaters langsam wieder aufw\u00e4rts ging, und dann noch die obligatorische Frage, wie es bei ihm denn eigentlich so lief. Einen kurzen Moment hatte er gestockt, sich gefragt, was wohl passieren w\u00fcrde, wenn er es ihr sagte. Ihr sagte, was er vorhatte. Ein winziger Augenblick des Z\u00f6gerns, doch der hatte gereicht um den ganzen Mut zunichte zu machen, den er sich f\u00fcr diesen Anruf zusammengekratzt hatte. Er hatte es einfach nicht fertig gebracht, ihre kleine heile Welt so zu zerst\u00f6ren. Es war feige, das wusste er, und es w\u00fcrde f\u00fcr sie wahrscheinlich viel schlimmer sein, wenn ihr im Nachhinein jemand anders diese Nachricht brachte, trotzdem hatte er sich nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Nach ein paar kurzen Floskeln hatte er das Gespr\u00e4ch beendet und aufgelegt. Seine H\u00e4nde zitterten und ihm war schlecht, doch wenigstens hatte der Hustenreiz wieder nachgelassen. <br \/>Sollte er sich nicht einfach zusammenrei\u00dfen, nochmal anrufen und es hinter sich bringen? Mit einem flauen Gef\u00fchl im Magen streckte er die Hand aus, um zu w\u00e4hlen, lie\u00df sie dann aber wieder sinken. Es war schon zu sp\u00e4t. Jetzt, wo sein innerer Schweinehund einmal gewonnen hatte, fehlte ihm die Selbstdisziplin, die Entscheidung noch zu \u00e4ndern. Mit dem Handr\u00fccken wischte er sich die Tr\u00e4nen aus dem Gesicht, dann legte er das Telefon aus der Hand.<br \/>\u201eFeigling\u201c, sagte er laut, weil niemand anderer da war, der jetzt die Wahrheit aussprechen konnte. Weil es niemandem au\u00dfer ihm selbst auf der Welt gab, mit dem er sprechen wollte. Langsam stand er von seinem K\u00fcchenstuhl auf, lief  ins Schlafzimmer und zog sich ohne zu duschen frische Klamotten an. K\u00f6rperhygiene spielte jetzt keine \u00fcbergeordnete Rolle mehr in seinem Leben. Eine dunkelblaue Jeans und ein schwarzes T-Shirt, dar\u00fcber ein schwarzer Wollpulli \u2013 die Klamotten passten wirklich prima zu seiner Stimmung der letzten Tage. <br \/>W\u00e4hrend er sich dick einpackte, um der K\u00e4lte drau\u00dfen standzuhalten, verabschiedete er sich in Gedanken von seiner Wohnung. Er w\u00fcrde nicht mehr herkommen, nie mehr. Sie konnte ruhig so unaufger\u00e4umt bleiben, was interessierte es ihn schon, wie andere Menschen in Zukunft \u00fcber seinen Ordnungssinn denken mochten. Er war schon zur T\u00fcr hinaus, da hielt er inne und lief noch einmal zur\u00fcck. Neben dem Bett lag noch immer der Zettel aus der Klinik. Micha b\u00fcckte sich und steckte ihn in die Hosentasche. M\u00f6glicherweise w\u00fcrde er den noch brauchen. Dann machte er sich auf den m\u00fchsamen Weg zur U-Bahn, f\u00fcr den er fr\u00fcher immer nur ein paar Minuten gebraucht hatte. Er wusste nicht was ihm mehr Energie geraubt hatte: Der Krebs oder die Tatsache, dass er jetzt wusste, dass er Krebs hatte. Dennoch musste er heute einfach noch etwas unternehmen. Auf den Zoo freute er sich schon richtig, vielleicht w\u00fcrde er dort auch sein schlechtes Gewissen wegen dem Telefonat mit seiner Mutter besser verdr\u00e4ngen k\u00f6nnen. <br \/>Die U-Bahn kam ger\u00e4uschlos in den Bahnhof gefahren. Nur eine Handvoll Leute warteten hier, der abendliche Verkehr hatte noch nicht wieder angefangen. Die meisten Berliner sa\u00dfen vermutlich irgendwo in einem Caf\u00e9 oder schon in einer Kneipe, wenn sie heute \u00fcberhaupt das Haus verlie\u00dfen. Micha stand mit den H\u00e4nden in den Taschen da und fror trotz der scheinbar milden herbstlichen Temperaturen. Zumindest war von den Leuten um ihn herum niemand besonders dick angezogen, oder wirkte als w\u00fcrde er frieren. Als die Bahn hielt, stieg Micha ein und setzte sich in das n\u00e4chste  der langgezogenen Abteile. Die T\u00fcren schlossen sich und der Zug beschleunigte augenblicklich. Die mit Kunstfell gepolsterten Sitzb\u00e4nke waren bequem und noch nicht zu sehr durchgesessen, nur farblich war dieser Zug nicht besonders gut geraten. Das Dunkelrot der W\u00e4nde passte zwar zum dunklen Boden, aber das ausgeblichene Gr\u00fcn der Polster lie\u00df den Zug alt und ein bisschen schimmlig wirken. Es war vermutlich ein \u00e4lteres Modell. In diesem Abteil sa\u00dfen nur zwei andere Leute. Eine junge blonde Frau las in einem zerfledderten Roman und wippte mit ihrem Fu\u00df im Takt zur Musik, die aus ihren \u00fcberdimensionierten Kopfh\u00f6rern drang. Neben ihr sa\u00df ein Mann, den Micha auf Mitte 40 sch\u00e4tzte. Der Anzug, den er trug, fiel sofort ins Auge. Er war komplett schwarz und sa\u00df so perfekt, dass er ma\u00dfgeschneidert sein musste. Das Material sah sehr teuer aus. Der Mann hatte kurze, schwarze Haare, zwischen denen allerdings schon die ersten grauen Str\u00e4hnen zu erkennen waren. Sein Gesicht wirkte kantig, aber nicht unfreundlich. Die vielen Falten und tief eingegrabenen Augenringe lie\u00dfen darauf schlie\u00dfen, dass er sich in seinem Leben nicht viel Ruhe geg\u00f6nnt hatte. Micha war \u00fcberrascht. Wenn er sich nicht irrte, sa\u00df er hier mit einem Professor oder irgendeinem anderen hohen Tier in einem Abteil, so etwas war ihm noch nie passiert. Auf jeden Fall musste es jemand sein, der in seinem Leben viel gearbeitet hatte. Micha hatte schon seit Jahren niemanden mehr gesehen, der so ersch\u00f6pft aussah. Die meisten von ihnen nutzten nur die Taxis, vermutlich um nicht mit dem ungebildeten P\u00f6bel in Ber\u00fchrung zu kommen. Doch irgendetwas passte nicht an diesem Mann. Ihm fehlte die typische Mischung von Stolz und Arroganz, die seinesgleichen normalerweise umgab. Er wirkte traurig, fast schon zerbrechlich. Seien H\u00e4nde spielten nerv\u00f6s mit etwas silbernem. Bei genauerem Hinsehen erkannte Micha, dass es eine M\u00fcnze war. Er drehte sie immer wieder in seiner Hand, lie\u00df sie \u00fcber seine Fingerkn\u00f6chel wandern und danach eine Weile zwischen Daumen und Zeigefinger rotieren. Das wiederholte er wieder und wieder. <br \/>W\u00e4hrend Micha noch \u00fcberlegte, was es mit dieser M\u00fcnze wohl auf sich haben konnte, nahm der Zug eine scharfe Kurve und dem Mann rutschte die M\u00fcnze aus der Hand. Mit einem dumpfen Ger\u00e4usch fiel sie zu Boden. Der Mann im Anzug hechtete ihr sofort hinterher, w\u00e4hrend sie \u00fcber den Boden kullerte, als handele es sich um einen Gegenstand von unsch\u00e4tzbarem Wert. Doch der Zug war zu schnell f\u00fcr solche Man\u00f6ver. Er verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Die Frau mit den Kopfh\u00f6rern sah kurz auf, widmete sich dann aber sofort wieder ihrem Roman ohne eine Miene zu verziehen. Micha sah die M\u00fcnze vorbeirollen, griff zu und erwischte sie gerade noch rechtzeitig. In diesem Moment wurde der Zug langsamer, sie fuhren wohl wieder in einen Bahnhof ein. W\u00e4hrend er noch einen kurzen Blick auf die M\u00fcnze warf, stand Micha auf. Er musste sich am Gel\u00e4nder an der Decke festhalten, um nicht ebenfalls hinzufallen. Er streckte seine Hand aus und half dem Mann auf die Beine, dann gab er ihm seine silberne M\u00fcnze zur\u00fcck.<br \/>\u201eDanke. Vielen Dank!\u201c, sagte der Mann und l\u00e4chelte dankbar. Micha nickte ihm einfach nur zu. Der Mann stand noch etwas wacklig auf den Beinen. Er wirkte verlegen und zerstreut. W\u00e4hrend er sich  nun ebenfalls mit einer Hand am Gel\u00e4nder festhielt, klopfte er sich mit der anderen den Staub von seinem Anzug, den er durch seine Bruchlandung aufgesammelt hatte. Als die T\u00fcren sich \u00f6ffneten, stieg er sofort aus. <br \/>Micha nahm wieder Platz. Auf der M\u00fcnze war das Profil einer Frau abgebildet gewesen, soviel hatte er gesehen. Gerne h\u00e4tte er den Mann, der offensichtlich noch nie mit der U-Bahn gefahren war, gefragt, wer er war, und was es mit der M\u00fcnze auf sich hatte, doch der Mann war zu schnell weg gewesen. Vielleicht war die M\u00fcnze ein Erbst\u00fcck, oder es war seine Freundin, Geliebte oder Ehefrau, die darauf abgebildet war. Er w\u00fcrde es nie erfahren. <br \/>Ihm wurde klar, dass er gerade das erste Mal seit Tagen nicht \u00fcber die Diagnose, nicht \u00fcber den Krebs nachgedacht hatte. Ihm kam der Gedanke, dass es wahrscheinlich nicht allzu klug gewesen war, sich die ganzen letzten Tage allein in seiner Wohnung zu verbarrikadieren. Zwar h\u00e4tte es vermutlich nichts an seiner Entscheidung ge\u00e4ndert und schon gar nicht an der Diagnose, aber der Sog des Selbstmitleids h\u00e4tte ihn wohl weniger stark ergriffen, wenn er sich mehr unter Leute begeben h\u00e4tte. Wenn er sich mit jemandem \u00fcber das unterhalten h\u00e4tte, was sich da in seinem Innersten zusammenbraute. <br \/>Am Bahnhof Zoo stieg Micha aus der Bahn und lief nach drau\u00dfen, seine Gedanken schwankten zwischen seinem Selbstmitleid und Neugier, warum der Mann mit der M\u00fcnze wohl so traurig ausgesehen hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug von der k\u00fchlen Herbstluft und sp\u00fcrte im selben Moment, dass das keine gute Idee gewesen war. Augenblicklich fing er wieder an zu husten. Es schmerzte h\u00f6llisch in seinen Lungen und er brauchte all seine Kraft und Konzentration um sich ein St\u00fcck von den Leuten um ihn herum weg zu schleppen. Er wollte nicht, dass jemand sah, dass er Blut spuckte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guten Morgen allerseits, damit wieder ein bisschen Bewegung in den Blog kommt, hier Teil 4 der Geschichte. 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