{"id":155,"date":"2012-02-22T20:24:00","date_gmt":"2012-02-22T19:24:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2012\/02\/22\/dem-ende-entgegen-5"},"modified":"2012-02-22T20:24:00","modified_gmt":"2012-02-22T19:24:00","slug":"dem-ende-entgegen-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=155","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (5)"},"content":{"rendered":"<p>Hallo zusammen,<\/p>\n<p>weil&#8217;s momentan so sch\u00f6n rund l\u00e4uft, kommt hier der f\u00fcnfte Teil der Geschichte. Wir n\u00e4hern uns der Halbzeit!<br \/>Bez\u00fcglich der Gattungsfindung habe ich zumindest bei Wikipedia ein gutes Zitat \u00fcber Novellen gefunden:<\/p>\n<p>&#8222;Als Gattung l\u00e4sst sie sich nur schwer definieren und oft nur in Bezug auf andere Literaturarten abgrenzen. Hinsichtlich des Umfangs bemerkte Hugo Aust, die Novelle habe oft eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei.&#8220;<\/p>\n<p>Ob das wohl das Richtige ist? Ich habe keine Ahnung&#8230;<\/p>\n<p>F\u00fchlt euch gegr\u00fc\u00dft,<br \/>Sir Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1-5.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 5<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kapitel 5<\/p>\n<p>Tim hatte sich auf eine Bank sinken lassen und versuchte, den Schmerz in seinem R\u00fccken und seiner H\u00fcfte zu ignorieren. Was f\u00fcr ein miese Idee es gewesen war, mit der U-Bahn zu fahren. Er wusste nicht genau, was ihn zu dieser Entscheidung bewogen hatte, aber er bereute sie im Moment zutiefst. Als er das letzte Mal in eine U-Bahn gestiegen war, konnten die Dinger noch nicht halb so schnell gefahren sein. Langsam drehte er die silberne M\u00fcnze in seiner Hand, wegen der ihm nun sein R\u00fccken so weh tat. Was hatte er auch w\u00e4hrend der Bahn-Fahrt mit ihr spielen m\u00fcssen? Die M\u00fcnze zeigte auf der einen Seite sein Profil und auf der anderen das von Helena. Am \u00e4u\u00dferen Rand waren ihre Initialen und das Datum ihrer Hochzeit eingraviert. <br \/>Es war sein Geschenk f\u00fcr Helena gewesen, an ihrem ersten Hochzeitstag. Am selben Tag an dem sie ihm die Taschenuhr geschenkt hatte. An dem Abend als sie gegangen war, hatte sie all ihre pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde aus der Wohnung mitgenommen, ihren Schmuck und ihre Klamotten, alles. Nur die M\u00fcnze lag am n\u00e4chsten Morgen noch in der K\u00fcche auf der Arbeitsplatte. Einzeln und trostlos, ohne eine Notiz und ohne eine Spur von ihr. An diesem elenden Morgen. Seither trug er sie immer bei sich und spielte immer dann mit ihr, wenn er besonders nerv\u00f6s war.<br \/>Auch die Situation in der U-Bahn war ihm unangenehm gewesen. Die h\u00fcbsche blonde Frau neben ihm, die so penetrant laut Musik geh\u00f6rt hatte. Die ganzen Leute die ein- und ausgestiegen waren, mal dicht an ihn gedr\u00e4ngt, mal weit entfernt. Manche allein unterwegs, andere in kleinen Gruppen, aber alle so vollkommen anders als er, so fr\u00f6hlich und vor allem so unglaublich nah. Ihre Stimmen, ihr Geruch. Er hatte sich sehr unwohl gef\u00fchlt. Warum war er \u00fcberhaupt  in die U-Bahn gestiegen? Was hatte er sich beweisen wollen? M\u00f6glicherweise eine Art N\u00e4he zum \u201eeinfacheren\u201c Volk. Vielleicht hatte er versucht, wenigstens ein St\u00fcck zu sein wie sie, die er in den letzten Wochen so oft beneidet hatte. Was f\u00fcr ein l\u00e4cherlicher Gedanke. Er war nicht wie sie, und w\u00fcrde es auch nie sein. Die Akademiker blieben unter sich und der Rest der Menschen wollte mit ihnen nichts zu tun haben. Tief in Gedanken dar\u00fcber versunken, hatte er vergessen, sich auf die M\u00fcnze zu konzentrieren, nur deshalb war sie ihm aus der Hand gerutscht. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck, dass ihm der junge Mann geholfen hatte, nach seiner idiotischen Bauchlandung. <br \/>Eigentlich war der Plan gewesen, vom Restaurant bis nach Hause mit der U-Bahn zu fahren, aber er hatte sich in der Bahn zu sehr vor sich selbst und dem jungen Mann gesch\u00e4mt, als dass er sich einfach wieder h\u00e4tte hinsetzen k\u00f6nnen und so tun, als w\u00e4re nichts gewesen. Es war nicht mehr weit, das bisschen konnte er jetzt auch laufen, auch mit schmerzender H\u00fcfte. Ein bisschen frische Luft w\u00fcrde ihm gut tun.  <br \/>Fr\u00fcher h\u00e4tte er sich nach so einem Erlebnis sein Handy geschnappt, Helena von der ganzen Sache berichtet und gemeinsam mit ihr dar\u00fcber gelacht. Sie h\u00e4tte ihm von ihrem Tag erz\u00e4hlt und davon, was sie heute noch vorhatte. Wie sie gemeinsam den Abend verbringen k\u00f6nnten. Solche Sachen hatten sie in den letzten Monaten ihrer Beziehung vernachl\u00e4ssigt, auch wenn es ihm w\u00e4hrenddessen nie wirklich aufgefallen war. Doch in den letzten Wochen hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Zeit zu \u00fcberlegen, was zwischen ihnen schief gelaufen war. Er stand von der Bank auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Noch aus seinen Jugendjahren kannte er sich hier in der Gegend bestens aus, auch wenn er schon lange nicht mehr zu Fu\u00df unterwegs gewesen war. Zeit war schlie\u00dflich Geld. <br \/>Seine Taschenuhr verriet ihm, dass es jetzt Viertel vor Drei war. Punkt 15.00 Uhr h\u00e4tte er eigentlich ein Treffen der Ausbildungskommission gehabt, und um 17.30 Uhr ein Meeting mit zwei vielversprechenden Doktoranden, aber die Termine hatte er beide schon vor Tagen abgesagt. Seine offizielle Begr\u00fcndung war gewesen, dass er noch an dem Paper f\u00fcr die Konferenz Anfang Januar schreiben musste. Theoretisch stimmte das, er hatte sogar schon ein Thema f\u00fcr das Paper gehabt, aber da er nicht vorhatte die Konferenz noch zu erleben, spielte es keine Rolle, ob seine Stellungnahme zum \u201eEinfluss der neuesten Str\u00f6mungen in der Datenspeicherung auf die Wirtschaftlichkeit der universit\u00e4ren Lehre\u201c rechtzeitig fertig wurde oder nicht.<br \/>Beim Gehen tat die H\u00fcfte weniger weh, als sie es eben noch beim Sitzen auf der kalten Bank getan hatte, dennoch humpelte er leicht. <br \/>Langsam f\u00fcllten sich die Stra\u00dfen wieder mehr mit Passanten, die Mittagszeit war vorbei und jetzt gingen die Leute vermutlich zum n\u00e4chsten Punkt in der Tagesordnung \u00fcber. Oder sie gingen einfach von einem Lokal ins N\u00e4chste, was wusste er schon, dachte Tim schulterzuckend. Blo\u00df weil er sie aus der Ferne beneidete, und bei seinen Studien manche ihrer Verhaltensweisen untersucht hatte, bedeutete das nicht, dass er verstand, wie die Durchschnittsb\u00fcrger ihren Alltag verbrachten, und wie sich das f\u00fcr sie anf\u00fchlte. <br \/>Tim beobachtete die Leute um ihn herum, w\u00e4hrend er gem\u00e4chlichen Schrittes nach Hause ging.<br \/>Auf der anderen Stra\u00dfenseite erkannte eine kleine Gruppe von Studenten, die im letzten Semester gemeinsam mehrere Seminare bei ihm besucht hatten. Sie liefen in die entgegengesetzte Richtung. Die beiden jungen M\u00e4nner waren vielleicht Mitte 20 und hatten beide lange Haare. Der eine war gro\u00df und so d\u00fcnn, dass er wahrscheinlich nur knapp an der Grenze zur Magersucht lag. Im Gegensatz dazu war sein bester Freund recht kr\u00e4ftig. Neben seinem mageren Kommilitonen hatte er immer regelrecht fett gewirkt. Der d\u00fcnne von beiden hie\u00df Harald, wenn sich Tim richtig erinnerte, und der etwas korpulentere h\u00f6rte auf den Namen Timotheus, wurde aber von den meisten Theo gerufen. Die beiden wurden von einer jungen Frau begleitet, an die sich Tim noch allzu gut erinnerte. Sie hie\u00df Anna und war in den Kursen immer sehr aktiv und wissbegierig gewesen. Eine h\u00fcbsche Frau mit einem glatten, fein geschnittenen Gesicht, einem schlanken, durchtrainierten K\u00f6rper, den sie auch gerne in knappen, eng anliegenden Klamotten zur Schau stellte, und einem beeindruckend flinken Verstand. Ihre kurzen blonden Haare standen auch heute wieder in alle Richtungen vom Kopf ab. Tim hatte sie attraktiv gefunden, sicherlich. Sehr attraktiv, aber nicht mehr. Doch irgendwann im Laufe des Semesters hatte sie sich ein bisschen in ihn verguckt. Von einem Tag auf den anderen fing sie an, ihm kleine Zettelchen mit Liebesgedichten zu schreiben und zuzustecken. Nach den Sitzungen war sie immer noch etwas l\u00e4nger geblieben und hatte versucht mit ihm zu flirten. Urspr\u00fcnglich hatte er vorgehabt, sie als eine seiner Doktorandinnen aufzunehmen, aber ihre immer deutlicheren Ann\u00e4herungsversuche waren ihm zunehmend unangenehm geworden. Eines Tages, als sie nach dem Seminar allein im Raum gewesen waren, hatte Anna versucht ihn zu k\u00fcssen und ihm dabei auch noch an den Hintern gefasst. Das war der Tropfen gewesen, der f\u00fcr ihn das Fass zum \u00fcberlaufen gebracht hatte. Es war notwendig gewesen, ihr Grenzen aufzuzeigen, und das hatte er auch mit deutlichen Worten getan. Mit w\u00e4ssrigen Augen und gekr\u00e4nktem Stolz im Blick war sie einige Minuten sp\u00e4ter aus dem Saal geeilt. Von da an war sie in keinem seiner Kurse mehr aufgetaucht und auch die beiden Jungs nicht. Inzwischen hatte sie sich wohl erholt. Zumindest sah es so aus. Sie und dieser Harald hielten H\u00e4ndchen. Da hatte der junge Mann sicher den Fang seines Lebens gemacht, dachte Tim und musste l\u00e4cheln. <br \/>Im selben Augenblick, als Tim so dastand und sie l\u00e4chelnd von der anderen Stra\u00dfenseite aus beobachtete, sah Anna zuf\u00e4llig her\u00fcber. Ihre Blicke trafen sich f\u00fcr einen kurzen Augenblick und Tim bildete sich ein, f\u00fcr eine Sekunde erneut verletzten Stolz in diesen sch\u00f6nen braunen Augen aufblitzen zu sehen. Stolz und etwas anderes, das er nicht einordnen konnte. Auf diese Entfernung musste es fast Einbildung sein, und doch sp\u00fcrte er ein flaues Gef\u00fchl im Magen. Ein Gef\u00fchl von Schuld, auch wenn er seiner Ansicht nach im Umgang mit der Studentin alles richtig gemacht hatte. Doch der Moment ging vor\u00fcber, Anna drehte sich zu ihrem Freund und ging weiter, ohne ein Zeichen, dass sie ihn gesehen hatte. Als h\u00e4tte sie einfach durch ihn hindurchgeschaut. <br \/>Versunken in dieser Flut von Gedanken war Tim kurz stehen geblieben, doch jetzt trottete er weiter. Er fand es immer wieder aufs Neue befremdlich, dass er in einer so gro\u00dfen Stadt so oft Leute sah oder traf, die er kannte. Nat\u00fcrlich bewegte er sich normalerweise in erster Linie auf dem Campus, da war das abzusehen, aber auch in der Stadt selbst war es nicht anders. Selbst wenn er einmal im Jahrzehnt zu Fu\u00df unterwegs war. <br \/>Als er eine Viertelstunde sp\u00e4ter sein Appartement erreichte, schwitzte er vor Anstrengung. Er sp\u00fcrte leichtes Seitenstechen von der ungewohnten sportlichen Bet\u00e4tigung und zu allem \u00dcberfluss schmerzten sein R\u00fccken und seine H\u00fcfte noch immer. Helena h\u00e4tte jetzt bestimmt ein paar wunderbare Hausmittelchen parat gehabt. Kalte Umschl\u00e4ge oder so etwas. <br \/>Immer und immer wieder diese verdammten Gedanken an Helena, er wurde sie einfach nicht los. Sie verfolgten ihn, wohin er auch ging, was auch immer er tat. Von Morgens bis Abends. Selbst in seinen Tr\u00e4umen waren sie noch da. Er sah auf die Uhr. Zwanzig nach Drei. Nichteinmal mehr f\u00fcnf Stunden, dann w\u00fcrde es vorbei sein, dachte er. Es wurde langsam aber sicher Zeit sich zu verabschieden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo zusammen, weil&#8217;s momentan so sch\u00f6n rund l\u00e4uft, kommt hier der f\u00fcnfte Teil der Geschichte. Wir n\u00e4hern uns der Halbzeit!Bez\u00fcglich der Gattungsfindung habe ich zumindest bei Wikipedia ein gutes Zitat \u00fcber Novellen gefunden: &#8222;Als Gattung l\u00e4sst sie sich nur schwer definieren und oft nur in Bezug auf andere Literaturarten abgrenzen. 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