{"id":150,"date":"2012-03-25T13:59:00","date_gmt":"2012-03-25T11:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2012\/03\/25\/dem-ende-entgegen-8"},"modified":"2012-03-25T13:59:00","modified_gmt":"2012-03-25T11:59:00","slug":"dem-ende-entgegen-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=150","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (8)"},"content":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Morgen allerseits,<\/p>\n<p>nun n\u00e4hern wir uns langsam dem Ende der Geschichte &#8222;Dem Ende entgegen&#8220;. <br \/>Ich w\u00fcnsche viel Spa\u00df mit Teil 8 von 11,<\/p>\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe<br \/>Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1-8.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 8<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kapitel 8<\/p>\n<p>Seit einer Viertelstunde stand Micha nun schon vor dem Haus seiner Eltern und trat von einem Bein auf das andere. Warum ging er nicht einfach weiter? Oder warf den Brief endlich ein? Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis er mit den paar Zeilen soweit zufrieden gewesen war, dass er sich vom Zoo aus auf den Weg hierher gemacht hatte. Doch jetzt stand er einfach nur da und traute sich nicht vom Fleck. Hatte er erwartet, seine Eltern w\u00fcrden ihn sehen und herauskommen? Vielleicht hatte er das insgeheim, sicher war er sich nicht. Die Chancen daf\u00fcr standen schlecht. Als Bewohner eines Hauses, das zur einen Seite einen ausgedehnten, wundersch\u00f6nen Park und zur anderen Seite eine kaum benutzte Seitenstra\u00dfe Berlins als Aussicht hatte, neigten sie nicht dazu, ihre Tage damit zu verbringen, auf der Stra\u00dfenseite aus dem Fenster zu sehen. Er konnte auch einfach klingeln. Was sie wohl sagen w\u00fcrden? Vermutlich w\u00fcrden sie entsetzt sein \u00fcber seine Diagnose und schockiert \u00fcber seinen Plan, vollkommen von den Neuigkeiten \u00fcberfordert. Wahrscheinlich w\u00fcrde seine Mutter sich nur unn\u00f6tig aufregen und sein Vater w\u00fcrde teilnahmslos wie immer in seinem Schaukelstuhl sitzen und seinen K\u00e4sekuchen essen. Die beiden waren emotional keine St\u00fctze in schwierigen Zeiten. Er wollte es ihnen einfach nicht selbst erz\u00e4hlen, es widerstrebe ihm. Ein neuer Hustenanfall zwang Micha dazu, sich die Hand auf den schmerzenden Bauch zu pressen, um besser Husten zu k\u00f6nnen. Als er wieder ruhiger atmen konnte, besah er sich den Brief in seiner Hand. Zum Gl\u00fcck hatte der keinen Schaden genommen, nur der Gehweg schien ein paar Blutstropfen abbekommen zu haben. Es schien schlimmer zu werden. Wahrscheinlich war das die Aufregung und Angst vor dem Abend, die ihn dazu brachte noch mehr zu husten als in den letzten Tagen. Dazu kam, dass von der dauernden Husterei die Bauchmuskeln und seine Lungen vollkommen \u00fcberstrapaziert waren und beide immer empfindlicher wurden. <br \/>Micha gab sich M\u00fche, ruhig zu atmen und beschloss, der Warterei ein Ende zu machen. Ein letztes Mal w\u00fcrde er den Brief noch lesen, ihn dann in den Briefkasten werfen und seiner Wege gehen. Es hatte keinen Zweck mit ihnen zu reden, also war es das Beste, es auch zu lassen. Er klappte den Brief auf.<\/p>\n<p><span style=\"font-style:italic;\">Hallo Mama, Hallo Papa,<br \/>es tut mir ehrlich leid, dass ihr es auf diese Weise erfahrt, aber ich konnte es euch nicht selber sagen. Ich habe es nicht \u00fcbers Herz gebracht. Schon seit ein paar Monaten habe ich Schmerzen und f\u00fchle mich nicht wohl. Letzte Woche war ich deswegen in einer Klinik und habe erfahren, dass ich Krebs in einem sehr sp\u00e4ten Stadium habe, der nicht mehr heilbar ist. Ich habe kein Bed\u00fcrfnis, die n\u00e4chsten Monate dahinzusiechen, wenn eh keine Chance auf Besserung besteht, deswegen will ich dem Ganzen ein Ende setzen. Ich hatte ein sch\u00f6nes Leben und ich bin froh, dass ich so liebe und verst\u00e4ndnisvolle Eltern wie euch hatte. Bitte verzeiht mir, dass ich euch nichts gesagt habe.<br \/>Ich liebe euch beide<\/p>\n<p>Micha<\/span><\/p>\n<p>Mit feuchten Augen faltete er den Brief wieder zusammen, warf ihn in den Briefkasten und drehte sich weg. So schnell es seine Lungen zulie\u00dfen entfernte er sich vom Haus seiner Kindheit, von seinen Eltern, von den einzigen Menschen auf der Welt, die ihm etwas bedeuteten. Urspr\u00fcnglich hatte er gehofft, der Tag w\u00fcrde ihm noch ein paar angenehme, letzte Erinnerungen bringen, im Moment sp\u00fcrte er davon leider nichts. Er versuchte, nicht zu weinen. Angst und Trauer zogen in seinem Kopf ihre Kreise. Noch konnte er den Termin auch absagen, einfach wieder nach Hause gehen und so tun, als w\u00e4re alles gut. Ein paar Tage w\u00fcrde das noch gut gehen, wenn es mit seiner Gesundheit im selben Tempo bergab ginge, wie bisher. Aber was dann? Die Schmerzen waren schon jetzt kaum auszuhalten, jeder Atemzug f\u00fchlte sich an, als ob tausende kleine Nadeln seine Lungen attackieren w\u00fcrden. Es war wichtig, dass er sich zusammenriss. Er bog in die Chomskyallee ein, von dort aus war es nicht mehr weit bis zur Praxis. Halb acht sollte er dort sein, p\u00fcnktlich halb acht, hatte die Stimme am Telefon gesagt. <br \/>N\u00e4chtliche Dunkelheit hatte sich \u00fcber Berlin gelegt und Micha fror ein wenig in seiner d\u00fcnnen Jacke. Je k\u00e4lter die Luft wurde, umso unangenehmer wurde sie in den Lungen. Endlich erreichte er die Kreuzung zur Turingstra\u00dfe und konnte einen ersten Blick auf das wei\u00dfe Haus erhaschen, in dem die sich die Praxis des PSH befand, die am n\u00e4chsten an seiner Wohnung lag. Der Praxisverbund f\u00fcr Sterbehilfe e.V. hatte laut seiner Homepage, die Micha in den letzten Tagen gr\u00fcndlich durchforstet hatte, 8 Praxen in Berlin und fast 100 in ganz Deutschland. Sie befassten sich laut eigener Aussage damit, denjenigen, die das w\u00fcnschten, \u201eein w\u00fcrdevolles Ende zu erm\u00f6glichen\u201c.  <br \/>Das Haus auf das er jetzt zulief kannte er schon von Bildern. Es war ein flacher, einst\u00f6ckiger Bau, dessen Fenster verspiegelt waren, um keine Blicke nach drinnen zuzulassen. Vor der wei\u00dfen Eingangst\u00fcr blieb Micha stehen. Die Aufregung nahm weiter zu. Sein laut pochendes Herz konnte man vermutlich trotz der geschlossenen T\u00fcr im ganzen Haus h\u00f6ren. Wieder brach dieser schmerzhafte, nicht enden wollende Husten aus ihm hervor. Dicke, dunkelrote Blutstropfen flogen auf das Wei\u00df der Eingangst\u00fcr. Micha lie\u00df sich f\u00fcr einen Moment auf die Knie sinken, seine Kraft reichte heute nicht mehr, um den Husten auszuhalten und gleichzeitig noch sein K\u00f6rpergewicht zu tragen. Als der Husten wieder abebbte, hatten seine Lungen begonnen, bei jedem Ausatmen eine Art Pfeifton von sich zu geben. Er traute sich nicht mehr, tief einzuatmen. Es tat zu sehr weh. <br \/>M\u00fchsam erhob er sich wieder, st\u00fctzte sich an der T\u00fcr ab und betrachtete sie. Auf ihr war das Logo des PSH angebracht: Ein Kreuz und daneben eine Schlange, die sich um einen Stock wand. Letzteres hatte er schon bei manchen Krankenh\u00e4usern im Logo gesehen. Die beiden Zeichen zusammen sollten die Verbindung von Leben und Tod symbolisieren. Auch das hatte Micha die Homepage des PSH verraten. Nun war der Kopf der Schlange allerdings durch einige Blutspritzer befleckt. Micha suchte seine Taschen nach einem Tempo ab. Nach erfolgloser Suche wischte er das Blut einfach mit dem \u00c4rmel seiner Jacke weg, was \u00fcberraschend gut funktionierte. Jetzt sah zwar der \u00c4rmel nicht mehr besonders gepflegt aus, aber da wo er jetzt hinging, w\u00fcrde das hoffentlich keine Rolle mehr spielen. <br \/>Langsam schob er die T\u00fcr auf und trat hindurch, hinein in das wei\u00dfe Vorzimmer der Praxis. Alles hier war wei\u00df. Die W\u00e4nde, der Boden, der kleine Brunnen in der Ecke, selbst die Steine im Brunnen waren wei\u00df. An einer Seite stand ein gro\u00dfer Aufsteller mit Flyern des PSH. Die Fenster, die von au\u00dfen keine Blicke hereinlie\u00dfen und aussahen, wie \u00fcberdimensionierte Spiegel, waren von der Innenseite durchsichtig. Man konnte von diesem Vorraum aus die Stra\u00dfe \u00fcberblicken, ohne selbst gesehen zu werden. Eine gute Idee, dachte Micha, f\u00fcr den Fall, dass jemand wieder gehen wollte, ohne gesehen zu werden. Er unterdr\u00fcckte das Bed\u00fcrfnis eben das zu tun. Vor Aufregung waren seine H\u00e4nde schwei\u00dfnass. <br \/>Der Eingangst\u00fcr gegen\u00fcber befand sich eine T\u00fcr, auf der ein Schild angebracht war. Darauf stand in gro\u00dfen Lettern \u201eWartezimmer\u201c  und darunter in klein waren die Worte \u201eBitte treten Sie ein\u201c zu lesen. Micha sah auf die Uhr. Es war 19.33 Uhr, er war fast p\u00fcnktlich. Er ging schnurstracks durch das Zimmer, bedacht, nicht zu husten, um keine roten Tupfer in dem strahlenden Wei\u00df des Raumes zu hinterlassen. Das Wartezimmer war menschenleer und fast identisch mit dem Raum zuvor, nur dass hier links und rechts je drei wei\u00dfe St\u00fchle standen. \u00dcber jeder der Stuhlreihen hing ein Gem\u00e4lde, eine Ansammlung von wei\u00dfen und schwarzen Kreisen und Rechtecken. <br \/>Am Ende des Zimmers befanden sich zwei T\u00fcren. Die Linke war wei\u00df und die Rechte schwarz. Ein paar Sekunden blickte Micha umher, doch er fand an keiner der beiden irgendeine Beschriftung. Gerade wollte er sich auf einem der St\u00fchle niederlassen, da ging die wei\u00dfe T\u00fcr auf und eine Stimme rief \u201eMichael Ferdinand Dorfer\u201c. Irgendetwas war merkw\u00fcrdig an dieser Stimme, aber was war es? <br \/>Er ging durch die T\u00fcr und fand sich in einem kleinen B\u00fcro wieder. Dort stand eine \u00e4ltere Dame mit fast vollkommen wei\u00dfen Haaren. Sie konnte nicht gr\u00f6\u00dfer als einen Meter sechzig sein. Ihr Alter konnte Micha nicht sch\u00e4tzen, aber die vielen Falten und der leicht gebeugte R\u00fccken lie\u00dfen ihn vermuten, dass sie schon deutlich mehr Winter gesehen hatte als er. Es war selten, dass man jemanden sah, der wirklich viele Falten hatte. Unwillk\u00fcrlich musste er an den Mann in der U-Bahn denken, der die ganze Zeit mit der M\u00fcnze in seiner Hand gespielt hatte. Auch der hatte ungew\u00f6hnlich viele Falten gehabt. Zwei Akademiker an einem Tag zu sehen, wenn das mal kein seltsamer Zufall war. <br \/>Jetzt wurde ihm auch klar, was er an der Stimme so seltsam gefunden hatte, als er sie gerade geh\u00f6rt hatte. Es war eine menschliche Stimme gewesen, nicht eine der Computerstimmen, wie er sie gewohnt war.<br \/>Die Frau l\u00e4chelte ihn zaghaft an und streckte ihm die Hand hin. <br \/>\u201eHerr Dorfer?\u201c<br \/>Micha nickte. <br \/>\u201eHerzlich Willkommen beim PSH, meine Name ist Ingeborg Nolte.\u201c Micha sch\u00fcttelte ihr die Hand und sie wies ihn mit einer Geste an, auf dem Stuhl Platz zu nehmen, der vor ihrem breiten, wei\u00dfen Schreibtisch stand. <br \/>\u201eWenn Ihnen das Recht ist, w\u00fcrde ich zuerst einmal gerne etwas \u00fcber ihre Beweggr\u00fcnde erfahren, diesen Schritt zu gehen. Sie k\u00f6nnen ganz frei erz\u00e4hlen. Danach werde ich Ihnen dann ein bisschen was \u00fcber die Geschichte des PSH erz\u00e4hlen, Ihnen erkl\u00e4ren was wir machen und wie der heutige Abend ablaufen wird, gesetzt den Fall, dass sie bei der Entscheidung bleiben.\u201c<br \/>Frau Nolte hatte nun hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen. Vor ihr lag ein Kuli und ein kleiner Notizblock, auf dem Michas Name stand. Nach wie vor trug ihr Gesicht dieses milde, zur\u00fcckhaltende L\u00e4cheln, das Micha als eine Mischung aus Interesse und F\u00fcrsorge verstand. <br \/>\u201eErz\u00e4hlen Sie bitte ein bisschen was von sich. Warum haben Sie sich entschieden, diesen Weg zu w\u00e4hlen?\u201c<br \/>Micha lehnte sich zur\u00fcck, atmete so tief durch wie es ihm noch m\u00f6glich war und fing an zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Morgen allerseits, nun n\u00e4hern wir uns langsam dem Ende der Geschichte &#8222;Dem Ende entgegen&#8220;. Ich w\u00fcnsche viel Spa\u00df mit Teil 8 von 11, Viele Gr\u00fc\u00dfeLarry deVito &#8212; Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 8 &#8212; Kapitel 8 Seit einer Viertelstunde stand Micha nun schon vor dem Haus &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=150\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDem Ende entgegen (8)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,61,88,111,148,151,191],"tags":[],"class_list":["post-150","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arno-wilhelm","category-dem-ende-entgegen","category-erzahlung","category-geschichte","category-kurzgeschichte","category-larry-devito","category-novelle"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}