{"id":149,"date":"2012-03-29T13:31:00","date_gmt":"2012-03-29T11:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2012\/03\/29\/dem-ende-entgegen-9"},"modified":"2012-03-29T13:31:00","modified_gmt":"2012-03-29T11:31:00","slug":"dem-ende-entgegen-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=149","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (9)"},"content":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Tag,<\/p>\n<p>nun beginnt das Finale der Geschichte. <br \/>Ich hoffe sehr, dass es euch gefallen wird.<br \/>Hier kommt Teil 9 von 11 der Erz\u00e4hlung &#8222;Dem Ende entgegen&#8220;, <br \/>der bisher mit Abstand l\u00e4ngste Teil.<\/p>\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1-9.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 9<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kapitel 9<\/p>\n<p>Das Bild hing schief. Ausgerechnet das fiel ihm hier als Erstes auf. <br \/>Tim hatte sich auf einem der St\u00fchle im Wartezimmer der Praxis niedergelassen. An der Wand, die ihm nun gegen\u00fcber lag, hing eine wei\u00dfe Leinwand, auf der ein gro\u00dfes schwarzes Reckteck abgebildet war. In diesem Rechteck waren vier kleine wei\u00dfe Kreise vermutlich willk\u00fcrlich angeordnet. Zumindest konnte Tim kein Muster und keine Regelm\u00e4\u00dfigkeit darin erkennen. Helena h\u00e4tte ihm sicher erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, wer das Original dieses Bilds gemalt hatte, wie viele Nachbildungen es davon gab und was der K\u00fcnstler mit dieser Anordnung ausdr\u00fccken wollte. Es war ihr gr\u00f6\u00dftes Hobby gewesen, sich mit Kunst zu besch\u00e4ftigen, Ausstellungen zu betrachten und Bilder zu analysieren. Oft genug hatte sie ihn mit ihrer Leidenschaft f\u00fcr die Kunst genervt. Ihn \u00fcberzeugt, mit ihr in die Ausstellungen zu gehen und sich ihre Erkl\u00e4rungen zu jedem einzelnen Bild anzuh\u00f6ren. Jetzt vermisste er ihre Stimme und ihre Anwesenheit mehr als alles andere. Er h\u00e4tte alles gegeben, um sie hier zu haben und sich von ihr erz\u00e4hlen zu lassen, warum auf dem Bild ausgerechnet ein Rechteck war und ob es nun f\u00fcr Liebe, Leidenschaft, Tod oder den Verfall in der Welt stand. Wenn sie nur hier gewesen w\u00e4re, bestimmt h\u00e4tten sie ihre Beziehung neu beleben k\u00f6nnen. Dieses spezielle Bild h\u00e4tte er sicherlich nie zu Gesicht bekommen, wenn sie tats\u00e4chlich noch da gewesen w\u00e4re, aber es gab so viele Bilder und Museen und Vernissagen auf die sie gehen k\u00f6nnten, es gab so viel zu sehen. <br \/>Er hatte wieder begonnen, mit der silbernen M\u00fcnze zu spielen. Dieses Mal nicht, weil er seine Aufregung unterdr\u00fccken wollte, denn er f\u00fchlte sich im Augenblick entspannter, als an irgendeinem Tag der letzten Wochen. Er hatte die M\u00fcnze hervorgeholt, um sich die Zeit zu vertreiben. Bisher wartete er zwar erst wenige Minuten, es war nicht einmal f\u00fcnf nach Acht, doch die Computerstimme am Telefon hatte ihn schon darauf vorbereitet, dass seine Wartezeit m\u00f6glicherweise etwas l\u00e4nger sein w\u00fcrde. Es war ein eigenartiges Telefonat gewesen. Zuerst musste man w\u00e4hlen, ob man aus gesundheitlichen oder pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden einen Termin wollte, dann wurde einem ein m\u00f6glicher Termin genannt und zum Schluss war der Hinweis gekommen, dass es eventuell zu l\u00e4ngeren Wartezeiten kommen konnte. Warum gaben sie ihm dann nicht gleich einen sp\u00e4teren Termin? Vielleicht ein Programmierfehler in dem Algorithmus, der die Terminvergabe regelte und irgendein Genie hatte, statt den Fehler zu reparieren, diese Ansage eingebaut. <br \/>Die linke der beiden T\u00fcren am Ende des Zimmers \u00f6ffnete sich in diesem Moment und riss Tim aus seinen Gedanken. Ein Mann trat in das Wartezimmer. Als Micha ihn sah, zog er \u00fcberrascht die Augenbrauen hoch.<br \/>Es war der junge Mann aus der U-Bahn, der ihm nach seinem Sturz wieder aufgeholfen hatte. Die Haut um seine Augen herum war ger\u00f6tet, wahrscheinlich hatte er geweint. An seinem Kinn und auf seinem T-Shirt waren Flecken, die nach getrocknetem Blut aussahen. Hinter ihm schloss sich die wei\u00dfe T\u00fcr wieder. Er blickte Tim an und ein gequ\u00e4ltes L\u00e4cheln erhellte kurz sein m\u00fcde und kaputt wirkendes Gesicht. Mit einer kurzen Kopfbewegung gr\u00fc\u00dfte er und lie\u00df sich dann auf einem Stuhl schr\u00e4g gegen\u00fcber von Tim nieder. Die Stille, die daraufhin eintrat, war Tim sehr unangenehm. Er hatte das Bed\u00fcrfnis, etwas zu sagen, um sie nicht noch l\u00e4nger werden zu lassen.<br \/>\u201eIch habe Sie doch heute schon einmal getroffen\u201c, sagte er dann halblaut und sah dem jungen Mann in die Augen. \u201eOder verwechsle ich sie?\u201c<br \/>Sein Gegen\u00fcber schien kurz zu z\u00f6gern. Dann nickte er.<br \/>\u201eIch hei\u00dfe Micha\u201c, sagte er und wies mit einer Geste in den leeren, strahlend wei\u00dfen Raum des Wartezimmers. \u201eWo wir schon beide hier sind, denke ich, dass wir uns auch duzen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\u201eJa, das stimmt wohl. Kaum zu glauben, dass wir uns an einem Tag zweimal treffen. Und dann auch noch ausgerechnet hier.\u201c<br \/>Micha nickte einfach nur. Wieder breitete sich diese Stille aus, die gewaltig und kaum zu ertragen mitten im Raum zwischen ihnen stand. Michas Augen sahen traurig aus und m\u00fcde. Vielleicht sollte er ihn in Ruhe lassen, andererseits hatte er im Augenblick durchaus das Bed\u00fcrfnis, sich mit jemandem zu unterhalten. Dieses sterile, helle Wartezimmer hatte nicht gerade eine entspannende Wirkung auf ihn. <br \/>\u201eWieso bist du hier?\u201c <br \/>Es war die erste Frage, die Tim in den Kopf kam, aber schon in dem Moment als er sie ausgesprochen hatte, kam er sich sehr taktlos vor. Man fragte doch niemanden den man nicht kannte, warum er sterben wollte. Eigentlich fragte man das \u00fcberhaupt niemanden. Auch Micha sah in zweifelnd an, er schien zu \u00fcberlegen, was er darauf antworten sollte. <br \/>\u201eIch meine&#8230;\u201c, versuchte Tim ein wenig zur\u00fcck zu rudern. \u201e&#8230;wozu du hier bist ist mir schon klar. Ich will dir auch nicht zu nahe treten. Aber du bist noch so jung und da habe ich mich gefragt, wie es wohl dazu kommt&#8230; Verstehst du, was ich meine?\u201c <br \/>Er versuchte, eine entschuldigende Miene aufzusetzen. Noch immer spielte seine Hand nerv\u00f6s mit der M\u00fcnze. Micha starrte noch ein paar Sekunden ins Leere und \u00fcberlegte. <br \/>\u201eVor drei Wochen habe ich erfahren, dass ich Krebs habe\u201c, sagte er dann leise und tonlos, ohne Tim anzusehen. \u201eIch habe st\u00e4ndig Schmerzen, huste Blut und habe keine Chancen auf Heilung. In knapp zwei Monaten w\u00e4re es eh vorbei.\u201c<br \/>\u201eDas tut mir leid\u201c, sagte Tim und es stimmte. Auch wenn er in den letzten Wochen so gut wie kein Interesse am Leben anderer Menschen gehabt hatte, ber\u00fchrte es ihn, einen so jungen Menschen leiden zu sehen. Krankheit sollte den \u00c4lteren vorbehalten sein, dachte er.<br \/>\u201eUnd du?\u201c Micha schien ein wenig seine Fassung wiedergewonnen zu haben. \u201eWas ist es bei dir?\u201c<br \/>\u201eIch bin nicht krank. Zumindest soweit ich wei\u00df.\u201c Tim \u00fcberkam das Gef\u00fchl, sich rechtfertigen zu m\u00fcssen.<br \/>\u201eAber wieso bist du dann hier?\u201c<br \/>\u201eMeine Frau&#8230;\u201c Er z\u00f6gerte einen Moment. Seit Helenas Tod hatte er mit niemandem dar\u00fcber geredet. Wieso sollte er es mit diesem jungen Mann tun, den er nicht mal kannte? M\u00f6glicherweise war es aber auch eine gute Idee, schlie\u00dflich hatte er vor keinem seiner Bekannten und Freunde geschafft, es auszusprechen. Er setzte wieder an. \u201eSie ist vor drei Wochen bei einem Autounfall gestorben.\u201c<br \/>\u201eVerstehe.\u201c In Michas ernstem Blick konnte Tim nichts von diesem Verst\u00e4ndnis erkennen. \u201eUnd weiter?\u201c<br \/>Tim fand die Frage sehr unh\u00f6flich, aber schlie\u00dflich war er es gewesen, der mit dem Frage-Antwort-Spiel begonnen hatte, auch wenn es ihm im Augenblick nicht besonders angenehm war. <br \/>\u201eSeitdem sie nicht mehr da ist, hat das Leben f\u00fcr mich einfach keinen Sinn mehr. Das Essen schmeckt nicht mehr. Die Arbeit macht keinen Spa\u00df mehr. Nichts interessiert mich. Ich&#8230;\u201c<br \/>Ein lauter Hustenanfall von Micha unterbrach ihn. Der hielt sich die Hand vor den Mund, w\u00e4hrend der Husten ihn erbeben lie\u00df. In seinem Blick und seinen Bewegungen konnte Tim nur zu gut die Schmerzen sehen, die durch seinen ganzen K\u00f6rper zuckten. Als er die Hand weg zog, konnte Tim auf der Handfl\u00e4che ein paar kleine Blutstropfen erkennen. Nach dem gequ\u00e4lten Ausdruck in Michas Gesicht zu urteilen, musste er schreckliche Schmerzen haben.<br \/>Eine gef\u00fchlte Ewigkeit sa\u00df er einfach nur da, atmete flach und bei jedem Ausatmen konnte Tim ein leises Fiepen seiner Lungen h\u00f6ren. Er sp\u00fcrte, dass es besser war, jetzt nichts zu sagen.<br \/>\u201eUnsinn\u201c, sagte Micha dann leise. Seine Stimme klang rauer als vor dem Husten und noch leiser.<br \/>\u201eWas meinst du?\u201c<br \/>\u201eDas ist doch v\u00f6lliger Unsinn.\u201c Sein Tonfall klang, als spuckte er Tim die Worte vor die F\u00fc\u00dfe. Er setzte sich auf und versuchte, mehr Luft in seine Lungen zu bekommen. \u201eDas was du gesagt hast. Ist doch klar, dass es schlimm ist, wenn deine Frau stirbt, aber deswegen musst du doch nicht auch sterben. Du bist doch gesund.\u201c<br \/>Was bildete sich dieser Micha eigentlich ein? Als ob er sich vorstellen k\u00f6nnte, wie sich Tim in diesem Augenblick f\u00fchlte. Wie schlimm es war, wenn einem der wichtigste Mensch im Leben genommen wurde. Klar, er war jung und machte gerade eine schlimme Zeit durch, aber das gab ihm doch kein Recht, Tims Entscheidung zu Beurteilen. Zu bewerten, ob er hier sein sollte oder nicht.<br \/>\u201eDas verstehst du nicht.\u201c <br \/>Er versuchte, sich seinen \u00c4rger nicht anmerken zu lassen. Dem Jungen ging es schlecht genug, er musste nicht mit ihm streiten.<br \/>\u201eDann erkl\u00e4re es mir doch.\u201c<br \/>\u201eIch habe mit Helena so viele sch\u00f6ne Jahre verbracht, ich m\u00f6chte und kann einfach nicht ohne sie leben. Ohne mit ihr sprechen zu k\u00f6nnen, ohne zu h\u00f6ren, wie ihr Tag war. Mein ganzes Leben interessiert mich nicht mehr. Nichts um mich herum. Ich bin Professor hier an der Uni, und es interessiert mich einfach nicht mehr, was ich den Studenten erz\u00e4hle oder was sie dazu denken.\u201c Alles, was ihm in den letzten Wochen durch den Kopf gegangen war, sprudelte hervor, egal ob es sein Gegen\u00fcber wirklich h\u00f6ren wollte. Ganz egal. \u201eKeiner in meiner Arbeit interessiert sich wirklich f\u00fcr mich. Meine Leistungen, meine B\u00fccher, meine Forschungsergebnisse, klar. Aber ich als Person falle dort keinem auf. Nicht einer von denen hat gemerkt, dass es mir schlecht geht. Mein Leben macht mir einfach keinen Spa\u00df mehr. Es hat keinen Sinn mehr, es ist farblos geworden. Du bist wahrscheinlich zu jung um all das zu verstehen. Vielleicht muss man daf\u00fcr auch an der Uni gewesen sein, um den Wert von Arbeit zu verstehen. Was gibt es denn da zu l\u00e4cheln? Machst du mich \u00fcber dich lustig?\u201c<br \/>Micha hob beschwichtigend die H\u00e4nde. Tats\u00e4chlich hatte sich bei Tims letzten Worten ein schwaches L\u00e4cheln auf sein Gesicht geschlichen.<br \/>\u201eDer Wert von Arbeit\u201c, sagte er dann. \u201eDie Phrasen sind doch immer noch die gleichen. Alles nur Gerede. Ich hab auch mal zu dieser ganzen Welt geh\u00f6rt f\u00fcr kurze Zeit. Das Studieren in H\u00f6chstgeschwindigkeit, m\u00f6glichst viel Lernen in m\u00f6glichst wenig Semestern. Alles auf Leistung gepolt. Ich fand es furchtbar. Immer wieder kriegt man gesagt, wie wenige Arbeitspl\u00e4tze es f\u00fcr die paar hundert Studenten gibt, der Druck wird immer weiter erh\u00f6ht. In der Uni tut doch jeder so, als g\u00e4be es nichts Wichtigeres als Arbeit und Leistung. Ich bin dann nach dem ersten Semester ausgesiebt worden. Mit einem Durchschnitt von 1,3 habe ich zu den schlechtesten geh\u00f6rt und mir war \u00fcberhaupt nicht klar, wie es weitergehen sollte. Dass man auch anders leben konnte. Also erz\u00e4hl mir nicht, dass ich den Wert von Arbeit nicht kenne.\u201c Seine Stimme wurde wieder fester, die zittrige, schwache Note verschwand. \u201eAber wenn dir dein Job nicht mehr gef\u00e4llt, dann h\u00f6r doch einfach auf damit. Du musst nicht arbeiten, genauso wenig wie ich. Ich habe vielleicht kein so bedeutsames Leben gehabt wie ihr Akademiker, wie die Kommilitonen, die es geschafft haben, aber sch\u00f6ner ist es allemal. Ich bin hier, weil ich nicht dahinsiechen will, weil die Schmerzen unertr\u00e4glich werden w\u00fcrden, lange bevor der Tod eintritt und ich das nicht erleben will, aber du&#8230;\u201c <br \/>Er zeigte auf Tim, der ihn mit ernstem Blick betrachtete. \u201eDu hast doch die Schmerzen nur im Kopf. Weil du jemanden verloren hast. Die werden irgendwann schw\u00e4cher. Wenn du willst, setz dich f\u00fcr den Rest deines Lebens irgendwo an einen Strand und denk an sie und die sch\u00f6nen Jahre, von denen du gesprochen hast. Aber deswegen sterben zu wollen ist Unsinn.\u201c<br \/>Tim sa\u00df einige Minuten schweigend da. Er hatte nicht erwartet, so einen Vortrag zu h\u00f6ren, noch dazu von einem so jungen Menschen. Nat\u00fcrlich konnte sich Micha nicht vorstellen wie es war, jemanden dem man so sehr liebt zu verlieren, doch dass er mit dem was er gesagt hatte, ein St\u00fcck weit im Recht war, konnte Tim auch nicht v\u00f6llig bestreiten. Es hatte ihn \u00fcberrascht, dass Micha mal an der Uni gewesen war. Er sah nicht im Mindesten aus wie einer von ihnen. Tim fiel auf, dass er sich nie wirklich Gedanken gemacht hatte, was aus den Studenten wurde, die es nicht bis zum Abschluss schafften, die das geforderte Leistungspensum nicht bringen konnten. Auch er hatte sich nie um die anderen gesorgt.<br \/>Ein paar Minuten sa\u00dfen sie beide schweigend da. Tim wusste nicht, was er antworten sollte. Ein paar Mal hob er den Kopf, setzte an um zu sprechen, doch jedes Mal belie\u00df er es beim Schweigen und betrachtete die Silberm\u00fcnze in seiner Hand. Betrachtete Helenas Profil darauf. Vielleicht war es besser das Thema zu wechseln, er wollte sich nicht weiter rechtfertigen.<br \/>\u201eWie l\u00e4uft der Termin da drin denn eigentlich ab?\u201c Obwohl die Gef\u00fchle in ihm gerade sehr widerspr\u00fcchlich waren und ihn Michas Ansprache sehr aufgew\u00fchlt hatte, war Tims Ton ganz normal und sachlich. Eine F\u00e4higkeit, die aufgrund unz\u00e4hliger unpassender, teilweise auch extrem unh\u00f6flicher Zwischenfragen bei den Vorlesungen und Seminaren, die er gehalten hatte, fest zu seinem Repertoire geh\u00f6rte.<br \/>Micha wirkte, als w\u00e4re er froh \u00fcber den Themenwechsel.<br \/>\u201eZuerst ging es darum\u201c, begann er zu erkl\u00e4ren, \u201ewarum ich den Termin ausgemacht habe. Ich sollte ja m\u00f6glichst p\u00fcnktlich sein, wahrscheinlich damit genug Zeit bleibt. Ich habe der Frau in dem B\u00fcro von meiner Krankheit erz\u00e4hlt und dass ich sehr lange \u00fcber meine Entscheidung nachgedacht habe.\u201c<br \/>Eine Frau? Wahrscheinlich hatte dieser Jungspund einfach nur einen Androiden mit einer echten Frau verwechselt. Es gab keine Arbeitspl\u00e4tze mehr abseits der Unis, das wusste doch jeder. So erfahren wie er tat, war sein Gegen\u00fcber dann wohl doch nicht.<br \/>\u201eWir haben uns dar\u00fcber unterhalten, dass mein Entschluss fest steht und dann hat sie gesagt, ich bekomme noch etwas Zeit zum \u00fcberlegen und wenn ich mich endg\u00fcltig entschieden habe, soll ich einfach durch die schwarze T\u00fcr gehen.\u201c<br \/>Beide sahen sie zu den beiden T\u00fcren am Ende des Raumes. Links die wei\u00dfe, durch die Micha den Raum betreten hatte, und rechts die schwarze. Das hatte es also damit auf sich, dachte Tim. Eine gute Idee, den Leuten noch ein paar letzte Minuten allein zu geben.<br \/>\u201eDann hat sie mir noch erkl\u00e4rt, wie der Stuhl funktioniert.\u201c<br \/>\u201eDer Stuhl?\u201c<br \/>Micha hatte ihn aus seinen Gedanken zu den beiden T\u00fcren gerissen, er war sich nicht sicher, ob er richtig geh\u00f6rt hatte. Was f\u00fcr ein Stuhl?<br \/>\u201eDas l\u00e4sst du dir am besten von ihr selbst erkl\u00e4ren, ich glaube nicht, dass ich das halbwegs korrekt wiedergeben k\u00f6nnte.\u201c<br \/>Tim nickte. Er hatte zwar in den Geschichtsb\u00fcchern mal von elektrischen St\u00fchlen gelesen, aber sowas konnte hier nicht eingesetzt werden. Oder doch? Waren die Dinger nicht irgendwann verboten worden? Auf der Homepage des PSH hatte er keine Erkl\u00e4rung gefunden, wie die letzten Minuten hier abliefen. Wieder unterbrach Michas Stimme seine Gedanken.<br \/>\u201eKann ich sie mir mal angucken?\u201c<br \/>Er deutete auf Tim, der sah ihn nur irritiert an.<br \/>\u201eDie M\u00fcnze, mit der du die ganze Zeit spielst. Vorhin in der Bahn auch schon. Kann ich sie mir mal angucken?\u201c <br \/>Er reichte sie ihm und Micha betrachtete sie in aller Ruhe. <br \/>Doch Tim war jetzt neugierig geworden. Sein Gegen\u00fcber hatte seinen Forscherdrang geweckt.<br \/>\u201eWar es schwer, klarzukommen? Nachdem du von der Uni ausgeschlossen wurdest, meine ich.\u201c<br \/>Nie zuvor hatte er mit jemandem gesprochen, der beide Seiten erlebt hatte. Warum war er nie auf die Idee gekommen, solche Menschen in seine Studien mit einzubeziehen?<br \/>Micha blickte auf.<br \/>\u201eAm Anfang schon. Ich fiel in ein ziemliches Loch, aber mit der Zeit hab ich gelernt, meine Tage zu strukturieren und die Zeit zu genie\u00dfen. Dann war es wirklich sch\u00f6n. Sch\u00f6ner als&#8230;\u201c<br \/>Die wei\u00dfe T\u00fcr am Ende des Zimmers \u00f6ffnete sich und eine Stimme rief: \u201eTim Fischer\u201c.<br \/>Tims Knie wurden weich. Nun kam doch noch die Nervosit\u00e4t in ihm durch. Er erhob sich und \u00fcberlegte, ob er Micha die Hand geben sollte, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen sagte er nur in Michas Richtung:<br \/>\u201eEs war angenehm, mich mit dir zu unterhalten. Ich w\u00fcnsche dir alles Gute. Und&#8230;\u201c Er zuckte unsicher mit den Schultern. \u201eAlso&#8230; Ich meine&#8230; Viel Gl\u00fcck.\u201c <br \/>In Michas Augen konnte er sehen, dass er ihn richtig verstanden hatte. Er wollte jetzt nichts \u00fcber den Tod sagen oder irgendwelche pathetischen Dinge \u00fcber ein Leben danach. Micha l\u00e4chelte und das L\u00e4cheln kam sogar bei seinen m\u00fcden, vom Kranksein und dem, was vor ihm lag, ersch\u00f6pften Augen an. Auch wenn Tim nicht begeistert \u00fcber die Ansprache war, die Micha ihm gehalten  hatte, war er doch der erste Mensch \u00fcberhaupt gewesen, mit dem er \u00fcber diese Sachen geredet hatte und allein daf\u00fcr war er schon dankbar.<br \/>\u201eDir auch viel Gl\u00fcck\u201c, sagte Micha. \u201eTut mir leid, was mit deiner Frau passiert ist.\u201c<br \/>Tim sah ihm noch einen Moment in die Augen. Er h\u00e4tte gerne noch irgendetwas ermutigendes, nettes gesagt, aber ihm fehlten die richtigen Worte. Dann drehte er sich weg und trat durch die wei\u00dfe T\u00fcr in das hell erleuchtete, kleine B\u00fcro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Tag, nun beginnt das Finale der Geschichte. Ich hoffe sehr, dass es euch gefallen wird.Hier kommt Teil 9 von 11 der Erz\u00e4hlung &#8222;Dem Ende entgegen&#8220;, der bisher mit Abstand l\u00e4ngste Teil. Viele Gr\u00fc\u00dfe,Larry deVito &#8212; Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 9 &#8212; Kapitel 9 Das Bild &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=149\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDem Ende entgegen (9)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,61,88,111,148,151,290],"tags":[],"class_list":["post-149","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arno-wilhelm","category-dem-ende-entgegen","category-erzahlung","category-geschichte","category-kurzgeschichte","category-larry-devito","category-www-larrydevito-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}