{"id":148,"date":"2012-04-02T13:03:00","date_gmt":"2012-04-02T11:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2012\/04\/02\/dem-ende-entgegen-10"},"modified":"2012-04-02T13:03:00","modified_gmt":"2012-04-02T11:03:00","slug":"dem-ende-entgegen-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=148","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (10)"},"content":{"rendered":"<p>Guten Tag allerseits,<\/p>\n<p>ich vermute, mit der Geschichte wird es noch diese Woche zuende gehen. Kommen wir also zum vorletzten Teil von &#8222;Dem Ende entgegen&#8220;.<\/p>\n<p>Ich hoffe er wird euch gefallen und wer Zeit hat, kommt morgen Abend zum <a href=\"http:\/\/dichtungsring.wordpress.com\">Dichtungsring<\/a> im Laika in Berlin.<\/p>\n<p>Viele herzlichste Gr\u00fc\u00dfe<br \/>Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1-10.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 10<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kapitel 10<\/p>\n<p>Als die T\u00fcr ins Schloss fiel lehnte Micha sich in seinem Stuhl zur\u00fcck. Als Teenager war er oft mit Freunden und Bekannten im Urlaub zum Klippenspringen gegangen. Das Gef\u00fchl, am Rand einer sehr hohen Klippe zu stehen und nach unten ins Wasser zu blicken, \u00e4hnelte dem, was er im Augenblick empfand, sehr. Er wusste, er w\u00fcrde den letzten Schritt tun, doch noch rang er mit sich selbst, um den richtigen Zeitpunkt zu finden. Was f\u00fcr eine seltsame Unterhaltung das eben gewesen war, dachte er. Sein Gef\u00fchl sagte ihm, dass er mit seiner Ansprache irgendwas in Tim bewirkt hatte. Ob das reichen w\u00fcrde, um ihn von dem Grund, aus dem er hier war, abzubringen? Sicher war er sich nicht, doch zu wissen, dass er versucht hatte, jemandem vor einem so gro\u00dfen Fehler zu bewahren, gab ihm ein gutes Gef\u00fchl. Vielleicht war das der Sinn, nachdem er in den vergangenen Tagen gesucht hatte. Auf seinem letzten Weg jemand anderem zu helfen, damit dieser seinen Weg \u00e4nderte. Er w\u00fcrde nie erfahren, ob er etwas bewirkt hatte. <br \/>Es war ein angenehmer Zufall gewesen, dass sie sich hier ein zweites Mal \u00fcber den Weg gelaufen waren. Seit seiner Diagnose hatte er mit niemandem dar\u00fcber geredet. Es Tim zu erz\u00e4hlen hatte ihn erleichtert und ihm ein wenig seine Angst genommen. Auch Frau Nolte, die alte Frau im Sprechzimmer, hatte sehr verst\u00e4ndnisvoll gewirkt. Das Gespr\u00e4ch mit ihr war angenehm gewesen. Ohne Vorw\u00fcrfe, ohne Zeitdruck oder Smalltalk. <br \/>Er musste an seine Eltern denken. H\u00e4tten sie vielleicht auch so reagiert, wenn er es ihnen doch selbst gesagt h\u00e4tte? Wann seine Mutter wohl den Brief fand? Hoffentlich erlitt sie davon keinen Herzinfarkt, das w\u00e4re furchtbar. Sein Vater h\u00e4tte alleine keine Chance, der bekam sein Leben ohne seine Frau nicht auf die Reihe. Genau genommen wusste er nach all den Jahren in dem Haus bis heute nicht einmal, wo seine Socken zu finden waren. Beim Gedanken daran, dass seinen Eltern wegen ihm etwas zusto\u00dfen k\u00f6nnte, spannte sich Michas ganzer K\u00f6rper an.<br \/>Er sp\u00fcrte, als sich seine H\u00e4nde verkrampften, dass seine rechte Hand etwas umklammerte. Als er hinab sah, bemerkte er, dass er immer noch Tims silberne M\u00fcnze in der Hand hielt. Er hatte vergessen, sie ihm zur\u00fcckzugeben, nachdem er sie in Augenschein genommen hatte. Auf beiden Seiten waren Menschen im Profil eingraviert. Bei der einen Seite vermutete er, dass es sich um einen deutlich j\u00fcngeren Tim handelte. Dann musste das auf der anderen Seite seine Frau sein. Im Profil konnte Micha nicht genug erkennen, um sagen zu k\u00f6nnen, ob sie eine h\u00fcbsche Frau gewesen war. Es musste ein tolles Gef\u00fchl sein, einen Menschen so sehr zu lieben.<br \/>Am Rand der M\u00fcnze stand ein Datum und in feinen, winzigen Buchstaben war \u201eT.F. &amp; H.F.\u201c eingraviert. Tim und H. Fischer. Wof\u00fcr das H wohl stand? Er sp\u00fcrte ein wenig Neid gegen\u00fcber Tim, f\u00fcr die vielen Jahre, die er gehabt hatte und vielleicht noch haben w\u00fcrde. Neid auf all das, was Tim mit seiner Frau erlebt hatte. Ob sie sich wohl Kinder gew\u00fcnscht hatten? Vermutlich gab es keine, sonst h\u00e4tte Tim sicher noch mehr Gr\u00fcnde gehabt, weiterzuleben, auch nach dem Tod seiner Frau. Er wirkte nicht wie der Typ, der seine Kinder im Stich lie\u00df. Er hatte nur sehr ungl\u00fccklich gewirkt und von Trauer und Schlafmangel zerm\u00fcrbt. Hoffentlich \u00e4nderte er seinen Plan noch. <br \/>Micha gab sich alle M\u00fche, den immer wieder aufkommenden Hustenreiz zu unterdr\u00fccken. Mittlerweile brannten seine Lungen bei jedem einzelnen Atemzug wie Feuer. Gut, dass er heute einen Termin bekommen hatte und nicht erst in ein paar Tagen. M\u00f6glicherweise h\u00e4tte er dann schon nicht mehr die Kraft daf\u00fcr gehabt. Die Kraft f\u00fcr das, was jetzt zu tun war.<br \/>Er raffte sich auf, legte die M\u00fcnze auf einen Stuhl neben sich, stand auf und ging zur schwarzen T\u00fcr am Ende des Zimmers. Zuerst legte er die Hand auf die Klinke und sp\u00fcrte das kalte Metall. Er dr\u00fcckte sie langsam herunter und \u00f6ffnete den Durchgang zu einem kleinen, von einer Lampe an der Decke schwach mit orangem Licht ausgeleuchteten Raum. Die Einrichtung nahm er nur schemenhaft wahr. Das wei\u00dfe Licht des Wartezimmers bildete zur Dunkelheit dieses Raumes einen starken Kontrast. Als er eintrat fiel die T\u00fcr hinter ihm von alleine ins Schloss. Sein Herz begann wieder schneller zu pochen. Ein neuer Hustenanfall brach sich Bahn und zwang Micha f\u00fcr einen kurzen Moment in die Knie, doch dieses Mal ging es schnell vorbei. Als er sich wieder aufrichtete, hatten sich seine Augen gut genug an das Licht gew\u00f6hnt, dass er die Einrichtung des Raumes genauer erkennen konnte. An den W\u00e4nden hingen gro\u00dfe Leinw\u00e4nde, gr\u00f6\u00dfer als die im Wartezimmer, die verschiedene Landschaftsaufnahmen zeigten. An einer Zimmerseite konnte Micha Bilder vom Grand Canyon erkennen, an dessen Rand war er letztes Jahr noch selbst gestanden. Die anderen W\u00e4nde waren mit Strand- und Dschungelphotos behangen. In der Mitte des Raumes stand ein wei\u00dfer, gepolsterter Stuhl mit breiten Armlehnen. Auf der rechten Seite waren am Ende der Armlehne zwei kleine Kn\u00f6pfe angebracht, genau wie es Frau Nolte ihm beschrieben hatte. Micha atmete tief durch. Der Gedanke, dass er gleich sterben w\u00fcrde, war so unwirklich, so schwer zu verstehen. Ein Knopfdruck und er setzte seinem Leben ein Ende. In der Schule hatte man ihnen in Geschichte von Piloten erz\u00e4hlt, die im Krieg Kampfflugzeuge geflogen hatten, daran konnte sich Micha noch gut erinnern. Hatte er nicht sogar ein Referat dar\u00fcber gehalten? Diese Piloten hatten ebenfalls kleine Kn\u00f6pfe gehabt, um Raketen oder Bomben abzufeuern. Auch sie hatten per Knopfdruck \u00fcber Leben und Tod entschieden, genau wie er es gleich tun w\u00fcrde. Nur war es bei ihnen nicht darum gegangen, \u00fcber ihr eigenes Leben zu entscheiden, sondern \u00fcber das irgendwelcher anonymer Opfer. So \u00e4hnlich und doch so unterschiedlich. Was es wohl f\u00fcr ein Gef\u00fchl gewesen war, etwas so furchtbares per Knopfdruck zu tun? Wenigstens hatte er einen guten Grund f\u00fcr das was er tat und es kam niemand anderer dabei zu Schaden. <br \/>Micha setzte sich hin und krempelte seine Hosenbeine ein St\u00fcck hoch, genau wie Frau Nolte es ihm erkl\u00e4rt hatte. Dann lehnte er sich in dem Sessel zur\u00fcck. Der wei\u00dfe Bezug schien aus einer Art Fell zu sein, er war sehr weich und bequem. Er lie\u00df seine rechte Hand \u00fcber den beiden Kn\u00f6pfen schweben, nur wenige Zentimeter davon entfernt, die letzte Entscheidung seines Lebens zu treffen. <br \/>Den ganzen Tag \u00fcber hatte Micha Angst vor diesem Moment gehabt. Angst davor, dass er es nicht schaffen w\u00fcrde, Angst zu versagen. Selbst bei dem Letzten was er auf Erden tun wollte, bei der selbstbestimmten Wahl, seinem Leben ein Ende zu setzen, nicht seinen Erwartungen gerecht zu werden. Frau Nolte hatte nur genickt, als er ihr das gesagt hatte und ihn mit ihrem von Falten durchzogenen Gesicht ernst angesehen.<br \/>\u201eSie m\u00fcssen hier niemandem etwas beweisen\u201c, hatte sie gesagt. \u201eDas ist keine Pr\u00fcfung, keiner hat Erwartungen, die sie erf\u00fcllen m\u00fcssen.\u201c<br \/>Doch was ihm tats\u00e4chlich Ruhe gebracht hatte, war das Gespr\u00e4ch mit Tim gewesen. Zu sehen, wie er auf die Nachricht reagierte, dass Micha Krebs hatte, und zu h\u00f6ren, aus was f\u00fcr banaleren Gr\u00fcnden jemand das Bed\u00fcrfnis haben konnte, zu sterben. Und weil er das Gef\u00fchl hatte, Tim geholfen zu haben. Vielleicht hatte er es geschafft, seine Perspektive ein St\u00fcck gerade zu r\u00fccken. Egal wie schlimm der Verlust f\u00fcr Tim war, er war gesund und konnte f\u00fcr den Rest seiner Tage das Andenken an seine Frau wahren, ohne dass er deswegen selbst seine restliche Zeit auf Erden wegschmei\u00dfen musste. <br \/>Micha lie\u00df seine Hand noch immer in der Luft \u00fcber den zwei Kn\u00f6pfen. Alles in allem war es doch ein guter Tag gewesen. Besser als erwartet. Besser, als es sich zwischendurch angef\u00fchlt hatte. Er musste an seine Eltern denken. Hoffentlich w\u00fcrden sie es gut verkraften, was mit ihrem einzigen Sohn geschehen war. Er hatte geh\u00f6rt, wenn jemand starb, bekam man von einem Androiden einen schwarzen Briefumschlag mit der Todesnachricht \u00fcberbracht. Das war bestimmt ein Mythos. Einer von vielen.<br \/>Er betrachtete die Kn\u00f6pfe. Einer von ihnen war gr\u00fcn, der andere rot. Langsam, mit ganz vorsichtigen Bewegungen, um keinen weiteren Hustenanfall zu provozieren setzte sich Micha aufrecht hin, legte seine Arme flach auf die Lehnen und atmete tief durch. Es wurde Zeit zu springen. Wie sich wohl dieses Mal das Meer anf\u00fchlen w\u00fcrde, wenn er durch die Oberfl\u00e4che brach?<br \/>Beim Gedanken an die Sommer seiner Jugend l\u00e4chelte er. <br \/>Er hielt den Atem an und lie\u00df den Zeigefinger seiner rechten Hand langsam aber bestimmt auf den kleinen, roten Knopf sinken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guten Tag allerseits, ich vermute, mit der Geschichte wird es noch diese Woche zuende gehen. Kommen wir also zum vorletzten Teil von &#8222;Dem Ende entgegen&#8220;. Ich hoffe er wird euch gefallen und wer Zeit hat, kommt morgen Abend zum Dichtungsring im Laika in Berlin. Viele herzlichste Gr\u00fc\u00dfeLarry deVito &#8212; Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=148\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDem Ende entgegen (10)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,61,88,148,151,191,290],"tags":[],"class_list":["post-148","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arno-wilhelm","category-dem-ende-entgegen","category-erzahlung","category-kurzgeschichte","category-larry-devito","category-novelle","category-www-larrydevito-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=148"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}