{"id":144,"date":"2012-04-05T13:46:00","date_gmt":"2012-04-05T11:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/arnowilhelm.wordpress.com\/2012\/04\/05\/dem-ende-entgegen-11"},"modified":"2012-04-05T13:46:00","modified_gmt":"2012-04-05T11:46:00","slug":"dem-ende-entgegen-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=144","title":{"rendered":"Dem Ende entgegen (11)"},"content":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Tag,<\/p>\n<p>nun sind wir beim Finale der Geschichte angelangt. Danke f\u00fcr die Reaktionen, danke f\u00fcr die zahlreichen Klicks auf den Blog. Ich hab mich sehr \u00fcber jede Form von Resonanz gefreut.<\/p>\n<p>Hiermit erscheint &#8222;Dem Ende entgegen&#8220; &#8211; Teil 11 von 11.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche ein sch\u00f6nes Osterwochenende!<\/p>\n<p>Herzlichste Gr\u00fc\u00dfe<\/p>\n<p>Larry deVito<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/intern.arno-wilhelm.de\/demendeentgegen\/Dem Ende entgegen - Kapitel 1-11.pdf\">Arno Wilhelm &#8211; Dem Ende entgegen &#8211; Download Kapitel 1 &#8211; 11<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kapitel 11<\/p>\n<p>\u201eHerzlich Willkommen beim PSH, meine Name ist Ingeborg Nolte.\u201c<br \/>\nTim sch\u00fcttelte ihr die Hand, setzte sich und betrachtete die alte Dame skeptisch. War das irgendein Prototyp von dem er noch nie geh\u00f6rt hatte? Die meisten Modelle waren jung und entweder darauf getrimmt m\u00f6glichst neutral auszusehen oder f\u00fcr einen m\u00f6glichst hohen Bev\u00f6lkerungsanteil attraktiv zu sein, aber diese Frau entsprach keiner Produktlinie, von der er je geh\u00f6rt hatte. Zu viele Falten, wei\u00dfe Haare, und diese wachen, braunen Augen mit den tief in die Haut eingegrabenen Lachf\u00e4ltchen daneben. So einen Androiden hatte er noch nie gesehen. Tim versuchte einen Blick auf ihren Ringfinger zu erhaschen, doch dort trug sie einen dicken goldenen Ring, der es unm\u00f6glich machte, zu erkennen, ob sie einen Barcode hatte oder nicht. Die alte Frau bemerkte seinen Blick und l\u00e4chelte.<br \/>\n\u201eEs kommt nicht oft vor, dass wir Akademiker als Kunden haben, aber sie sind auch nicht der Erste.\u201c<br \/>\nSie zog den Ring vom Finger und pr\u00e4sentierte ihm ihre Hand. Sein irritierter Blick verbreiterte nur ihr freundliches L\u00e4cheln.<br \/>\n\u201eNein, ich trage keinen Barcode und ich bin auch keine Sonderanfertigung, falls sie im Begriff sind, das zu fragen. Ich bin kein Roboter.\u201c<br \/>\n\u201eAber ich dachte, au\u00dferhalb der Unis arbeitet niemand mehr.\u201c<br \/>\nTim war vollkommen irritiert.<br \/>\n\u201eEs muss niemand mehr arbeiten und das tut auch so gut wie niemand, aber unser Verein hat sich entschieden, diesen Arbeitsplatz nicht mit einem Roboter zu besetzen, solange es noch Menschen gibt, die ihn aus\u00fcben wollen.\u201c<br \/>\nDas L\u00e4cheln der alten Frau wich einem ernsteren Gesichtsausdruck.<br \/>\n\u201eAber kommen wir doch lieber zu Ihnen. Erz\u00e4hlen Sie mir, welche Beweggr\u00fcnde sie hergebracht haben. Danach werde ich Ihnen dann ein bisschen was \u00fcber die Geschichte des PSH erz\u00e4hlen, Ihnen erkl\u00e4ren was wir hier machen und wie der heutige Abend ablaufen wird, falls Sie bei Ihrer Entscheidung bleiben.\u201c<br \/>\nTim r\u00e4usperte sich und versuchte, nicht mehr auf Frau Noltes Ringfinger zu starren. Er \u00fcberlegte einen Moment, wo er anfangen sollte.<br \/>\n\u201eVor drei Wochen kam ich heim und meine Frau sa\u00df im Wohnzimmer\u201c, begann er. Er erz\u00e4hlte Frau Nolte alles. Alles was ihm einfiel. Alles was zwischen Helenas Tod und dem Moment passiert war, an dem er die Praxis betreten hatte. Nur das Gespr\u00e4ch mit Micha lie\u00df er aus. Warum, war er sich nicht sicher. Er hatte das Gef\u00fchl, es passte nicht ins Bild. Frau Nolte sa\u00df die ganze Zeit nur da, nickte hin und wieder und blickte ihm mit ernster Miene in die Augen. Als er mit seinem Bericht geendet hatte, nickte sie erneut und holte eine d\u00fcnne, schwarze Mappe aus einer Schublade ihres Schreibtischs hervor. Sie schlug die erste Seite auf und drehte sie, so dass Tim das Foto eines wei\u00dfen Stuhls sehen konnte, der mit Fell \u00fcberzogen zu sein schien.<br \/>\n\u201eSollten Sie sich nachher entscheiden, den letzten Schritt zu gehen, finden Sie hinter der schwarzen T\u00fcr, die Sie im Wartezimmer bereits gesehen haben diesen Stuhl.\u201c<br \/>\nFrau Nolte zeigte auf eine der Armlehnen.<br \/>\n\u201eRechts sind zwei kleine Kn\u00f6pfe angebracht. Einer gr\u00fcn, der andere rot. Wenn Sie den roten Knopf dr\u00fccken, wird Ihnen mittels mehrerer winziger Nadeln, die aus dem Stuhl ausgefahren werden k\u00f6nnen, ein starkes Sedativum injiziert und gleich darauf ein hochkonzentriertes Nervengift, das zum sofortigen Herzstillstand f\u00fchrt. Das Sedativum ist n\u00f6tig um sicherzustellen, dass Sie keinerlei Schmerzen dabei empfinden. Am besten krempeln Sie ihre Hosenbeine ein St\u00fcck hoch, und legen ihre Arme flach auf die Lehnen, damit die Injektionsnadeln auch die Haut treffen. Dr\u00fccken Sie stattdessen den gr\u00fcnen Knopf, \u00f6ffnet sich eine T\u00fcr direkt nach drau\u00dfen, dort beginnt ein kleiner Park, der zu unserem Grundst\u00fcck geh\u00f6rt. Da sind sie ungest\u00f6rt. Haben Sie dazu noch Fragen?\u201c<br \/>\n\u201eKann ich, wenn ich mich dagegen entscheide, nicht einfach wieder durch die T\u00fcr hinaus gehen?\u201c<br \/>\nFrau Nolte setzte ein mildes L\u00e4cheln auf.<br \/>\n\u201eDie T\u00fcr verschlie\u00dft sich hinter ihnen automatisch, damit hier niemand hereinspazieren kann und zum Stuhl laufen, der keinen Termin hat. Darum k\u00f6nnen Sie auch nicht einfach so wieder raus. Au\u00dferdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen in diesem Moment froh um ein wenig Diskretion sind. Es k\u00f6nnte ja schon der n\u00e4chste im Wartezimmer sitzen, sie verstehen?\u201c<br \/>\nTim nickte. Es f\u00fchlte sich komisch an, dieses Gespr\u00e4ch. Die Vorbereitung des eigenen Todes. Er hatte diesem Termin geradezu entgegen gefiebert, sich darauf gefreut, die ganze Last loszuwerden, doch im Moment sp\u00fcrte er nur ein bedr\u00fcckendes Gef\u00fchl der Unsicherheit. Die Entscheidung war endg\u00fcltig, es w\u00fcrde kein zur\u00fcck geben. Gab es noch irgendetwas, was er von Frau Nolte wissen wollte? Ihm fehlten die Fragen. W\u00e4hrend er noch seinen Gedanken nachhing, begann die alte Dame wieder zu sprechen.<br \/>\n\u201eIch wollte Ihnen noch etwas zur Geschichte des Vereins erz\u00e4hlen. In aller K\u00fcrze: Den Praxisverbund gibt es seit dem Jahre 2021 in Deutschland. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, den Leuten, die aus dem Leben scheiden wollen, ein w\u00fcrdevolles Ende zu erm\u00f6glichen. Noch sind wir nicht so fl\u00e4chendeckend vertreten wie es uns recht w\u00e4re, aber es wird besser.\u201c<br \/>\nSie hielt einen Augenblick inne und schien \u00fcber ihre n\u00e4chsten Worte nachzudenken.<br \/>\n\u201eIchch muss Ihnen ehrlich sagen: Ganz sicher bin ich mir nicht, ob Ihr Grund ausreichend ist, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.\u201c<br \/>\nTim starrte sie an. Unsicher, ob er gerade richtig geh\u00f6rt hatte.<br \/>\n\u201eAber ich&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eSie haben mir schon ausschweifend ihre Gr\u00fcnde dargelegt, warum Sie das m\u00f6chten.\u201c<br \/>\nFrau Nolte betonte das letzte Wort so langsam, als unterhielte sie sich mit einem Idioten, dachte Tim.<br \/>\n\u201eUnsicher bin ich mir, ob es ein guter Grund ist. Ob es tats\u00e4chlich n\u00f6tig ist, darum aus dem Leben zu scheiden, das ist es, woran ich zweifle.\u201c<br \/>\nMicha hatte in dem Gespr\u00e4ch vorhin nichts davon gesagt, dass Frau Nolte versucht h\u00e4tte, ihn von seiner Entscheidung abzubringen. Aber Micha hatte auch erz\u00e4hlt, dass sie bei ihm Wert darauf gelegt hatten, dass er p\u00fcnktlich zu seinem Termin kam. Bei ihm hatte es keine Wartezeit gegeben. Irgendetwas stimmte hier nicht, dachte Tim, aber ihm war nicht ganz klar, was es war. Er sch\u00fcttelte den Gedanken ab.<br \/>\n\u201eIch werde Sie definitiv nicht aufhalten. Setzen Sie sich ins Wartezimmer oder gehen Sie durch die schwarze T\u00fcr, setzen sich auf den Stuhl und denken Sie noch mal in Ruhe \u00fcber alles nach. Ich verstehe, dass der Verlust schmerzhaft f\u00fcr Sie ist, aber glauben Sie mir, ich habe genug Verluste erlitten in meinem Leben. Es kommen auch wieder bessere Zeiten, in denen es weniger weh tut.\u201c<br \/>\nTim war sprachlos. Mit so einer Ansprache hatte er nicht gerechnet. Verst\u00e4ndnis und Diskretion, ja, aber doch keine Kritik. Vor ihm erhob sich Frau Nolte aus ihrem Stuhl und streckte ihm die von Altersflecken \u00fcbers\u00e4te Hand entgegen.<br \/>\n\u201eEgal wie Sie sich entscheiden, ich hoffe es wird die richtige Entscheidung f\u00fcr Sie sein.\u201c<br \/>\nEr stand ebenfalls auf, reichte ihr die Hand, noch immer ohne ein Wort zu sagen. Wie bet\u00e4ubt drehte er sich um und ging langsam zur T\u00fcr. Als er die T\u00fcrklinke herunterdr\u00fcckte und gerade den Raum verlassen wollte, f\u00fcgten sich in seinem Kopf zwei Bausteine zusammen, die die ganze Zeit st\u00f6rend und sinnlos in den Weiten seines Kleinhirns herumgestanden hatten. So ergab es Sinn. Er drehte sich wieder zu Frau Nolte um, die ihn mit hochgezogenen Brauen ansah.<br \/>\n\u201eEs war kein Zufall, oder?\u201c<br \/>\nSie blickte \u00fcberrascht.<br \/>\n\u201eWas war kein Zufall?\u201c<br \/>\n\u201eDas Zusammentreffen mit diesem Micha im Wartezimmer. Dass er einen richtigen Termin kriegt und ich eine Wartezeit. Das waren keine Zuf\u00e4lle oder Systemfehler. Sie haben ihn in seiner Entscheidung best\u00e4rkt und versuchen, mich von meiner abzubringen.\u201c<br \/>\nIn dem L\u00e4cheln auf Frau Noltes Gesicht war ein Hauch Schuldbewusstsein zu erkennen.<br \/>\n\u201eSie sind ein kluger Mann, Herr Fischer\u201c, sagte sie.<br \/>\nIhr L\u00e4cheln ver\u00e4rgerte Tim. War das hier ein Spiel f\u00fcr sie? Ein Witz?<br \/>\n\u201eAber Sie k\u00f6nnen doch nicht einfach&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir\u201c, unterbrach sie ihn. \u201eHerr Dorfer, oder Micha, wie Sie ihn genannt haben, hatte eine schwere, finale Krankheit. Bei Ihnen ist der Grund seelischer Natur, da versuchen wir selbstverst\u00e4ndlich herauszufinden, wie ernst es Ihnen eigentlich damit ist, zu sterben. Nicht aus Bosheit, sondern weil wir glauben, dass das Leben auch nach tragischen Einschnitten weitergehen kann. Regen Sie sich nicht unn\u00f6tig auf, es geht nicht gegen Sie. In kritischen Zeiten ist es manchmal einfach schwer, Entscheidungen zu treffen. Setzten Sie sich ins Wartezimmer oder in den Raum nebenan und denken Sie in Ruhe \u00fcber alles nach. Sie haben die Wahl.\u201c<br \/>\nEs gab noch einiges, das Tim auf der Zunge lag, doch er hielt sich zur\u00fcck. Er wollte die Dame nicht beleidigen. Sie hatte wahrscheinlich wirklich nur Gutes im Sinn gehabt. Stumm wandte er sich wieder um und ging nach drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Wartezimmer war leer. Micha war nicht mehr da, doch auf seinem Stuhl lag ein kleiner, silberner Gegenstand, der Tim sofort ins Auge fiel. Wie hatte er nur die M\u00fcnze vergessen k\u00f6nnen? Die ganzen letzten Tage \u00fcber hatte er sie immer wieder in der Hand gehabt, so viel mit ihr gespielt und nun hatte er sie tats\u00e4chlich bei einem v\u00f6llig Fremdem gelassen. Das Gespr\u00e4ch hatte ihn wohl einfach zu sehr durcheinander gebracht. Er nahm die M\u00fcnze wieder an sich und drehte sie in der Hand hin und her. Helenas Bild rief jedes Mal wenn er es betrachtete so viele Erinnerungen in ihm wach. So wundersch\u00f6ne Erinnerungen.<br \/>\nSpontan entschied er sich nicht hier im Wartezimmer Platz zu nehmen, er wollte heute niemandem mehr begegnen, der ihm erz\u00e4hlen konnte, dass sein Plan falsch war. Tim trat durch die schwarze T\u00fcr in den kleinen Raum dahinter.<br \/>\nAls sich seine Augen an das gedimmte, orange Licht gew\u00f6hnt hatten, betrachtete er in Ruhe die Gem\u00e4lde, die an den vier W\u00e4nden hingen. Es waren sch\u00f6ne, professionelle Aufnahmen. Ob Helena wohl auch hier gewusst h\u00e4tte, wer die Fotos gemacht hatte? Er konnte ein Meisterwerk der Fotografie nicht von einem gut gelungenen Urlaubsfoto unterscheiden und hatte sich nie die M\u00fche gemacht, sich damit zu besch\u00e4ftigen. Erst als er in aller Ruhe die Bilder begutachtet hatte, wandte er seinen Blick zu dem Stuhl in der Mitte des Raumes, den er eben schon auf dem Foto gesehen hatte. War Micha hier vor ein paar Minuten gestorben? Oder hatte er die Praxis auf anderem Wege verlassen? F\u00fcr einen kurzen Moment fragte er sich, ob Micha vielleicht nicht einfach ein Schauspieler gewesen sein k\u00f6nnte, mit dem Auftrag, ihn von seinen Pl\u00e4nen abzubringen, aber das war unwahrscheinlich. Er hatte schon am Nachmittag als sie sich gesehen hatten, ebenso ausgezehrt und am Ende gewirkt wie heute Abend in der Praxis. Das w\u00e4re zu viel Aufwand gewesen, niemand hatte ein so starkes Interesse daran, dass er \u00fcberlebte. Kaum jemand w\u00fcrde Anteil daran nehmen, dass er nicht mehr da war. Er ging zu dem Stuhl.<br \/>\nEin kalter Schauer lief ihm \u00fcber den R\u00fccken, als er sich darauf niederlie\u00df. Wie viele Menschen hier wohl schon gestorben waren? Mit den Fingerspitzen strich er ganz vorsichtig \u00fcber die kleinen Kn\u00f6pfe in gr\u00fcn und rot, die am Ende der Armlehnen angebracht waren, darauf bedacht, keinen von ihnen auszul\u00f6sen. In der anderen Hand hielt er noch immer die M\u00fcnze. Unglaublich, dass er sie bei Micha gelassen hatte. So zerstreut wie heute war er selten gewesen.<br \/>\nWarum hatte er Micha so viel von sich erz\u00e4hlt? Vielleicht h\u00e4tte er schon in den letzten Wochen jemanden zum Reden gebraucht und weil er niemanden fand am Ende Micha und Frau Nolte sein Herz ausgesch\u00fcttet. Aber wieso hatte er ihm nicht von der Trennung erz\u00e4hlt? Wieso nicht die ganze Geschichte? Sch\u00e4mte er sich f\u00fcr das, was passiert war? Wollte er sich in einem besseren Licht darstellen? Sich weniger schuldig f\u00fchlen f\u00fcr Helenas Tod? Seine Finger ber\u00fchrten das Plastik der beiden Kn\u00f6pfe. Gr\u00fcn und Rot. Leben und Sterben. Es war ein bizarres Gef\u00fchl, dem Tod so nahe zu sein. Er widerstand der Versuchung, einfach sofort zu dr\u00fccken, Helena zu folgen und dem elenden Nachdenken ein Ende zu setzen. Die Gespr\u00e4che mit Frau Nolte und Micha hatten ihn zutiefst verunsichert. Nat\u00fcrlich war Michas k\u00f6rperliches Leiden etwas ganz anderes als der Verlust, den er erlitten hatte. Aber war es wirklich Unsinn, was er hier tun wollte? Sein Bed\u00fcrfnis zu sterben war seit Helena nicht mehr da war unendlich gro\u00df geworden, immer noch gr\u00f6\u00dfer. W\u00fcrde es wirklich irgendwann vergehen? Er wollte nicht zu seinem alten Leben zur\u00fcck, nicht wieder an die Uni, aber er konnte nicht bestreiten, dass Micha recht hatte. Er musste es letzten Endes auch nicht. Es gab kein Gesetz, das besagte, dass man ein Leben lang an der Uni bleiben musste. Auch er konnte sich eine Rente auszahlen lassen. Eigentlich hatte er nie wirklich dar\u00fcber nachgedacht, den Job hinzuschmei\u00dfen, aber es war die richtige Idee.<br \/>\nWar es im Zweifel besser, sein Leben lang zu trauern, als sein Leben zu beenden? Vielleicht. Oder nicht? Er hatte sich so sehr den Tod gew\u00fcnscht, er vermisste Helena so sehr, so schrecklich schmerzhaft. Wie k\u00f6nnte er ohne sie weiterleben? Es hatte ihm geholfen, dass er endlich erz\u00e4hlt hatte, was in ihm vorging, aber was nun? W\u00fcrde es besser werden? Er sp\u00fcrte, dass ihm dieser Stuhl unbehaglich war. Der Raum machte ihn nerv\u00f6s. Es wurde langsam Zeit. Zeit, etwas zu tun.<br \/>\nVorsichtig legte er Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand auf je einen der Kn\u00f6pfe.<br \/>\nEr musste eine Entscheidung treffen und tat es schlie\u00dflich auch. Sein Finger dr\u00fcckte auf den Knopf.<br \/>\nHinter ihm ert\u00f6nte ein metallisches Klicken. Als er sich umsah, entdeckte er einen Spalt, durch den Licht herein fiel. Er stand aus dem Stuhl auf, betrachtete ihn einen letzten Augenblick. Dann wandte er sich ab.<br \/>\nEine schmale T\u00fcr, die mit Tapete bedeckt war, hatte sich am Ende des Raumes ge\u00f6ffnet. Tim trat hinaus und sah vor sich ein W\u00e4ldchen, genau wie es Frau Nolte beschrieben hatte. Kleine Lampen, die ihm bis zum Knie reichten, s\u00e4umten einen Waldweg, der zwischen die B\u00e4ume f\u00fchrte. Tim atmete tief durch und begann zu laufen. Einfach zu laufen. Irgendwann w\u00fcrde der Waldweg enden und er w\u00fcrde alles hinter sich lassen. Vielleicht w\u00fcrde er sogar Berlin in naher Zukunft verlassen, nur einige wenige Sachen und die Fotoalben mitnehmen, damit er sich immer an Helena erinnern konnte. Dar\u00fcber konnte er sich in den n\u00e4chsten Tagen Gedanken machen. Jetzt hatte er ja Zeit. Beim Laufen sp\u00fcrte er, dass etwas in seiner hinteren Hosentasche steckte und er tastete danach. Es war der Brief von Anna, den sie ihm heute geschrieben hatte. Er musste an ihre Liebeserkl\u00e4rung darin denken. Nein, er w\u00fcrde sich nicht bei ihr melden und er w\u00fcrde ihr auch niemals n\u00e4her kommen. Die Wunden, die Helenas Tod geschlagen hatte, waren zu tief. Die L\u00fccke, die sie hinterlie\u00df zu gro\u00df. Er war sich nicht einmal sicher, ob er jemals einen anderen Menschen lieben k\u00f6nnte, noch dazu war Anna viel zu jung und eine Studentin. Aber es war auf eine seltsame Art sch\u00f6n, zu wissen, dass es einen Menschen gab, der an ihn dachte. Einen Menschen, dem er nicht egal war.<br \/>\nW\u00e4hrend er den Weg weiterlief, sp\u00fcrte Tim eine gewisse Erleichterung. Er ging einem neuen Leben entgegen. Es f\u00fchlte sich richtig an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen wundersch\u00f6nen guten Tag, nun sind wir beim Finale der Geschichte angelangt. Danke f\u00fcr die Reaktionen, danke f\u00fcr die zahlreichen Klicks auf den Blog. Ich hab mich sehr \u00fcber jede Form von Resonanz gefreut. Hiermit erscheint &#8222;Dem Ende entgegen&#8220; &#8211; Teil 11 von 11. Ich w\u00fcnsche ein sch\u00f6nes Osterwochenende! Herzlichste Gr\u00fc\u00dfe Larry deVito &#8212; Arno &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/?p=144\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDem Ende entgegen (11)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,61,88,111,148,151,191,290],"tags":[],"class_list":["post-144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arno-wilhelm","category-dem-ende-entgegen","category-erzahlung","category-geschichte","category-kurzgeschichte","category-larry-devito","category-novelle","category-www-larrydevito-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=144"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arno-wilhelm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}